Kleinglauben bleibt nicht ohne Folgen
„Es kam aber eine Hungersnot in das Land. Da zog Abram hinab nach Ägypten, daß er sich dort als ein Fremdling aufhielte; denn der Hunger war groß im Lande. Und als er nahe an Ägypten war, sprach er zu Sarai, seiner Frau: Siehe, ich weiß, daß du ein schönes Weib bist. Wenn dich nun die Ägypter sehen, so werden sie sagen: Das ist seine Frau, und werden mich umbringen und dich leben lassen. So sage doch, du seist meine Schwester, auf daß mir's woh/gehe um deinetwillen und ich am Leben bleibe um deinetwillen.
Als nun Abram nach Ägypten kam, sahen die Ägypter, daß seine Frau sehr schön war. Und die Großen des Pharao sahen sie und priesen sie vor ihm. Da wurde sie in das Haus des Pharao gebracht. Und er tat Abram Gutes um ihretwillen; und er bekam Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele. Aber der Herr plagte den Pharao und sein Haus mit großen Plagen um Sarais, Abrams Frau willen.
Da rief der Pharao Abram zu sich und sprach zu ihm: Warum hast du mir das angetan? Warum sagtest du mir nicht, daß sie deine Frau ist? Warum sprachst du denn: Sie ist meine Schwester -‚ so daß ich sie mir zur Frau nahm? Und nun siehe, da hast du deine Frau; nimm sie und zieh hin. Und der Pharao bestellte Leute um seinetwillen, daß sie ihn geleiteten und seine Frau und alles, was er hatte.
So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm, ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Betel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Betel und Ai, eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des Herrn an" (1. Mose 12, 10-13, 4).
1. Glaube auf dem Prüfstand
Doch Abram glaubt. Er baut im Heiligtum More einen Altar. Er betet an . . . Gott antwortet ihm. Er ist gespannt, wie er ihn weiterführt. So endete das vorangehende Kapitel.,, Ich bin gespannt, wie er mich weiterführt" - das sollte bald wirklich zur brennenden Frage werden. Denn der Glaubende, auch wenn er seinen Anfangsweg gewiß und sicher gegangen ist, bleibt in seinem Glauben nicht unangefochten. Der Glaube kommt sozusagen auf den Prüfstand. Er muß sich bewähren, auch in schwierigen Lagen. Gerade in ihnen soll er gestählt werden, gerade dann soll er seine Kraft erweisen.
Für Abram entsteht diese Prüfungssituation, als es zu einer großen Dürre und Hungersnot kommt - in dem Lande, das ihm Gottes Verheißung zugesprochen hatte. Nun werden die Dinge für ihn schwierig. Die Not, die ihn bedrängt, läßt ihn fragen, ob er tatsächlich der guten Führung seines Gottes gefolgt ist. Die Verantwortung, die er für sich und die Seinen trägt, läßt ihn nach Wegen suchen, wie er der äußeren Bedrohung entgehen kann, wie er mit seinem lebendigen Besitz überleben kann. Da bietet sich Ägypten an, Ägypten als Ausweg, als Rettungsort. Auf nach Ägypten!
Abram scheint verantwortungsbewußt und überlegt zu handeln. Und doch tut er dies nur vordergründig. Er handelt nicht verantwortungsbewußt und überlegt genug. Er läßt nämlich den aus seinen Überlegungen und Plänen heraus, dem er die letzten Jahre gefolgt ist, dem er vertraut hat. In dieser Lage ruft er den Namen des Herrn nicht an. Der bis eben so treu gegangene Weg des Glaubens scheint nun nichts mehr zu bedeuten, er wird geradezu preisgegeben.
Abram geht einfach an Gott vorbei, an dem Gott, für den er alles aufgegeben, alles gewagt hatte. Er bricht - sicherlich nach menschlich bestem Ermessen - nach Ägypten auf, aber er bricht ohne Gott auf. Damit ist die Situation des Kleinglaubens, ja des Unglaubens im Leben des Glaubenden da -und wer von uns würde sie nicht aus seinem Leben, auf seine Weise kennen. Kleinglauben oder Unglauben bleiben nicht ohne schwerwiegende Folgen, weder bei Abram noc bei uns. Es ist so, als ob eine gefährliche Kettenreaktion in Gang gesetzt worden wäre.
II. Eine halbe Wahrheit ist doch eine Lüge
Die Entscheidung, sich an Gott vorbei das Leben zu sichern, macht den Glaubenden keineswegs ruhig und sicher. Im Gegenteil: Ängste und Sorgen stellen sich gerade nun ein, wo man ohne Gott unterwegs ist. Immer neue Überlegungen werden nötig, neue Pläne geschmiedet, damit nun auch alles gut geht. Die Risiken müssen durchgerechnet und Rezepte für den Erfolg gefunden werden. Dieser ist oft nur zu einem hohen Preis zu haben, zu einem Preis, der andere Menschen in Mitleidenschaft zieht. Und das alles deshalb, weil ein Leben, in dem man sich auf Gott verläßt und darauf vertraut, daß es ihm „an Mitteln nicht fehlt", nun unerschwinglich geworden ist. Ohne Gott unterwegs sein heißt eben auch: In allem ganz auf sich selbst gestellt sein.
Bei Abram sieht das so aus, daß ihm der selbstgewählte Weg der Rettung nach Ägypten auf einmal bedrohlich erscheint. Nicht zu Unrecht befürchtet er, daß die Schönheit seiner Frau Sarai die Begehrlichkeit des Pharao wecken und daß ihn dies das Leben kosten könnte. Aber anstatt nun umzukehren und in der Not die Hilfe seines Gottes anzurufen, geht er den Weg weiter - ohne Gott, in ängstlichem Kleinglauben. Sein kluger Plan, seine Frau Sarai als seine Schwester auszugeben und dadurch, daß sie in den Harem des Pharao kommt, Vorteile für sich zu gewinnen, geht zunächst auf. Aber zu welchem Preis'
Da ist die halbe Wahrheit - Sarai ist tatsächlich Abrams Halbschwester -‚ die doch eine Lüge ist: Denn Sarai ist nun, und darauf kommt es an, Abrams Ehefrau. Da ist die familiäre Katastrophe - denn mit der Preisgabe ist Sarai als Ehefrau für Abram für immer verloren. Da wird der Pharao am Ehebruch mitschuldig gemacht, wovon er zunächst allerdings noch nichts ahnt und weiß. Und vor allem: Da ist nun der zweiten großen Verheißung Gottes, die Abram einmal dazu bewegte, aufzubrechen und mit Gott unterwegs zu sein, der Boden der Verwirklichung weggezogen worden. Sarai, die dazu berufen war, die Stammutter eines großen Volkes zu werden - sie ist im Harem des Pharao verschwunden.
Ist damit nicht alles schon zu Ende - kaum daß es begonnen hatte?
Ist nicht der Weg des Glaubens jäh abgebrochen, weil die Kraft des Glaubens mit einem bedrohlichen Geschick nicht fertig wurde?
Und ist nicht das, was bleibt - bedrükkend, ohne Gott, ohne Zukunft zwar am Leben, zwar vermögend - aber leer und ohne Sinnerfüllung?
Noch viel schlimmer: Was bleibt vom anfänglichen Glaubensweg Abrams, vom neuen Anfang Gottes mit den Menschen, der so hoffnungsvoll aussah?
Bleibt das alles nur eine Episode?
Ist es bei uns zu einer Episode geworden?
Nur, was soll dann werden?
III. Gott läßt seine Leute auffliegen
Das, was nun geschieht, berichtet die Bibel nicht nur hier, sondern an vielen anderen Stellen: Gott greift ein. Und dies auf eine ganz bestimmte Weise: Er läßt das Versagen seiner Leute schnell offenbar werden. Das ist peinlich für sie, sehr ärgerlich und demütigend. Wie stehen sie nun da vor allen Leuten, nachdem alles herausgekommen ist, was sie eigentlich vertuschen wollten? Aber genau dieses „Herauskommen lassen" ist Ausdruck der Liebe Gottes zu den Seinen. Er will sie nicht in den Folgen ihres Unglaubens sitzen lassen, er will ihnen den Rückweg öffnen - und er tut dies, auch wenn das zunächst sehr schmerzlich für sie ist.
Bei Abram geschieht das so, daß der Pharao von dem Zeitpunkt an, an dem er Sarai zu sich hatte holen lassen, von Unglück verfolgt ist. Das macht ihn stutzig. Schließlich bekommt er heraus, wie es sich mit Sarai eigentlich verhält. Seine Reaktion ist verwunderlich. Zwar stellt er Abram zur Rede. Und Abram, der dazu berufen ist, der Vater des Glaubens zu werden, der Mann, mit dem Gott etwas ganz Neues anfangen will in dieser Welt, der Mann, der Segensträger sein soll, muß sich von dem heidnischen, abergläubischen, sinn-