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Dreijährige En Lan wurde verkauft, um der Schwiegermutter zu dienen. Das war fast zehn Jahre her, aber der Tag stand noch immer vor ihrer Seele. Die Mutter, die sanft und still war, hatte Tränen in den Augen. Der Vater, der tagelang böse auf die Mutter gewesen war und viel von Geld sprach, saß stumm in einer Ecke des dunklen Raumes, wo Mutter sie wusch und anputzte. Das Haar wurde sorgfältig gekämmt und geölt, die Bäckchen bekamen zwei grelle rote Flecke. Ein kleiner roter Kittel wurde ihr übergestreift.
Vor der Tür drängten sich die neugierigen Nachbarn. Jemand rief: „Du mußt weinen, En Lan!" Aber die Tränen kamen ihr nicht. Sie war nur erstaunt über alles, was da geschah. Sie sah noch, wie Mutter vor allen Menschen die Hände faltete und laut sagte: „Vergib uns unsere Schuld ...", dann wurde sie in eine Sänfte gehoben. Ehe die Tür sich schloß, hörte sie Mutters Stimme: „Mein Kind, Gott schütze dich!" Dann war es dunkel.
Lange noch hörte sie das Trappeln von Kinderfüßen, schrille Blechmusik ... und dann fiel ihr das Dunkel aufs Herz. Mutter hatte zwar oft gesagt: „Du bist nie allein, Jesus geht mit dir." Aber sie sah diesen Jesus nicht. Wo war er? Wer war er? Wo blieb die Mutter? Ganz allein war sie noch nie gewesen. Des Nachts lag sie mit Vater, Mutter und zwei Brüdern auf einem Bettbrett. Am Tage fühlte sie sich im Tragetuch auf Mutters Rücken behütet, und wenn sie ihren ersten kleinen Pflichten nachging, wusste sie immer, wo sie die Mutter finden konnte.
Verlag: R. Brockhaus
Erschienen: 1956
Einband: Leinen
Format: 20,5 x 13,5 cm
Seiten: 250
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