Der Dienst Jesu
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Der gegenwärtige Dienst Jesu, BdH 1876
Die Mitteilung in Joh. 13, daß der Herr während des Abendessens aufstand und Seinen Jüngern die Füße wusch, ist sehr köstlich und bezeichnend. Sie zeigt dem geöffneten Glaubensauge, was der Herr in Seiner Liebe g e g e n w ä r t i g für die Seinen tut. Was Petrus in jenem Augenblick nicht wußte, aber „hernach" verstehen sollte, das verstehen wir jetzt durch die Macht und Belehrung des Heiligen Geistes, und in dem Maße wie wir mit g a n z e m Herzen die in dieser Handlung dargestellte Gnade Christi ergreifen, erfreuen wir uns unserer gegenwärtigen Stellung als solche, welche Sein sind in dieser Welt.
Für Jesum war die Stunde' gekommen, daß Er „aus dieser Welt zum Vater gehen sollte". Er sieht im Geist das Werk, welches Er nach dem Willen des Vaters auf der Erde tun sollte, schon vollbracht. Das Kreuz liegt hinter Ihm. Die Jünger hatten an der rührenden Gedächtnisfeier Seiner Liebe teilgenommen - einer Liebe, die stärker ist als der Tod und die viele Wasser nicht auszulöschen vermögen. Der Verräter stand im Begriff, sein finsteres und schreckliches Werk zu vollenden, wodurch zugleich jede Verbindung des Herrn mit dieser Welt abgebrochen wurde, während Er die Seinen als die Gegenstände Seiner Liebe in dieser Welt zurückließ. Ihnen sollte dieselbe Liebe bleiben, womit Jesus sie geliebt hatte, als Er Selbst noch in der Welt war. „Er liebte sie bis ans Ende", durch alle Zeiten hindurch und in allen Umständen.
Das waren die Gefühle des Herzens Jesu im Blick auf Seine Jünger, die mit Ihm zu Tische lagen. Zugleich empfand Er auch, daß alle ihre Segnungen von Ihm abhingen. Er wußte, daß der Vater' Ihm a ll e s in die Hände gegeben hatte. Das Werk ihrer Erlösung, das der Vater Ihm aufgetragen hatte, hatte Er in wahrhaft vollkommener Weise vollbracht, so daß Seine Liebe in dieser Hinsicht kein Betätigungsfeld mehr fand. Das Abendessen war der Ausdruck hierfür. Aber das war nicht alles, was in Seine Hände gegeben war. Wie Er „von Gott ausgegangen war und zu Gott hinging", also wollte Er auch die Seinen zu Gott hinführen, damit sie mit Ihm in derselben Gemeinschaft und Herrlichkeit sein sollten, in welche Er einzutreten im Begriff stand.
Das waren die tiefen und mächtigen Gedanken der Liebe und göttlichen Absichten mit den Seinen, welche das Herz Jesu erfüllten. Aber wie sollte Er ihnen begreiflich machen, was Seine Liebe nunmehr für sie tun wollte, wenn sie Ihn nicht mehr sehen und hören konnten? Wie konnte Er sie fühlen lassen, daß Er ihnen blieb und daß ihre Segnungen auch fernerhin nur von Ihm abhingen in der Wirksamkeit einer unveränderlichen Liebe? Er hatte ihnen ein bleibendes Gedenken daran hinterlassen, daß er in Seiner Liebe für sie starb, und an diese Liebe bis in den Tod sollten sie beim Anblick des gebrochenen Brotes und des ausgegossenen Weins durch Seine Worte: „Das ist mein Leib - für euch gegeben", und: „Das ist mein Blut - für euch vergossen", stets erinnert werden. Aber in welcher Weise sollte Er ihnen eine bleibende Darstellung von jener Liebe geben, die nun ihre Verbindung mit Ihm an jenem Platze verwirklichen sollte, den Er jetzt für sie einnehmen wollte? „Er steht vom Abendessen auf und legt die Oberkleider ab, und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann gießt er Wasser in das Waschbecken. und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen, mit welchem er umgürtet war" (V. 4. 5).
Welch ein Anblick mußte es für die staunenden Jünger sein, als der Herr, Dessen Macht sie oft bezeugt, Dessen Herrlichkeit sie auf dem Berge der Verklärung gesehen und Den sie als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, erkannt hatten, Sich zu dem niedrigsten Dienst, zum Waschen ihrer Füße, herabließ! Deshalb wohl rief Petrus, als der Heiland niederkniete, um seine Füße zu waschen, mit ablehnendem Eifer aus: „Herr, du wäschest m e i n e Füße?" Aber so sehr er den Herrn auch liebte, so begriff er doch wenig von dem Geheimnis der Liebe, die von der Höhe der göttlichen und himmlischen Herrlichkeit herabgekommen war, um ihm zu dienen. Er verstand noch nicht, wie nötig das alles für ihn war, was jene Liebe für ihn getan hatte und noch tun wollte und wie tief Sich der Herr herablassen, wie fortdauernd diese Liebe sein mußte. Der Herr muß ihm sagen: „Was ich tue, weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach verstehen". Doch diese Belehrung genügte dem feurigen Jünger nicht. In seiner Unwissenheit sah er nur eine Herabwürdigung seines Herrn in Dessen Handlung, die er für seine Person nicht dulden konnte. Deshalb ruft er aus: „Du sollst nimmermehr meine Füße waschen". Weder fühlte, noch kannte er die Notwendigkeit dieser Erniedrigung und er suchte den Herrn daran zu hindern, so wie er es einst im Blick auf das Kreuz getan und sich den Tadel des Herrn zugezogen hatte: „Geh hinter mich, Satan! du bist mir ein Ärgernis; denn du sinnest nicht auf das, was Gcttes, sondern auf das, was der Menschen ist". Dort war Petrus das Werkzeug Satans, indem er sich zwischen den Herrn und jenes Werk stellen wollte, wodurch Gott verherrlicht und der Sünder gerettet werden sollte.
Das war mehr als Unwissenheit, und daher die Schärfe. jenes Tadels. Hier wollte er sich in einem unverständigen Eifer für die Ehre des Herrn zwischen diesen und seine eigene Segnung stellen, weshalb der Herr ihn schlicht belehrt: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir", - d. h. er hätte die himmlischen Segnungen, in die der Herr jetzt einzutreten im Begriff war, in Gemeinschaft mit Christo nicht genießen können.
Nur durch die Ausübung der Liebe Jesu in jenem Dienst, der uns in der Fußwaschung dargestellt wird, können die Seinen während ihres Wandels in der Welt den Genuß der Gemeinschaft mit Ihm im Himmel haben. Deshalb zeigte sich Jesus Seinen Jüngern in jener köstlichen, mit dem Abendessen verbundenen Handlung als der umgürtete Diener, der jetzt in der Herrlichkeit stets bereit ist, ihnen zu dienen und ihre Füße zu waschen. Das Brechen des Brotes sollte sie an Den erinnern, Der auf dem Kreuze ihre Sünden getragen hatte. Indem sie von diesem Brote aßen und von diesem Kelche tranken, nährten sie sich von dem gestorbenen Christus und erfreuten sich jener Liebe, die alles für sie getan, die sie gerettet und zu Gott geführt hatte, ohne daß ihnen auch nur eine einzige Sünde den Eintritt in Seine heilige Gegenwart verwehren konnte. Das leinene Tuch und das mit Wasser gefüllte Waschbecken aber sollten ihr Glaubensauge auf Ihn richten, wie Er auch gegenwärtig in Liebe mit ihnen beschäftigt ist, und zwar mit einer Liebe, die - obgleich in Herrlichkeit und außer dem Bereiche ihres natürlichen Auges ausgeübt - sie auf ihrem ganzen Wege durch die Wüste begleitet. Ja, durch den unaufhörlichen Dienst, den Jesu in der Fußwaschung den Seinen erweist, befähigt Er sie zum Genus Seiner Gegenwart und Seiner eigenen Freude. Das ist für ein Herz, welches Ihn kennt und liebt, der köstlichste Teil. Deshalb sagte auch Petrus, indem er die Kraft der Worte des Herrn: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast d u kein Teil mit mir" zu fassen begann,
mit einem brennenden Verlangen nach dem vollen Besitz der in jenen Worten angedeuteten Segnungen: „Herr, nicht meine Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt". Er empfand auf einmal, daß nicht allein seine Füße, sondern auch seine Natur und sein ganzes Wesen der Reinigung bedurften. So mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, übersah er jedoch in U n w i s s e n h e i t das Werk der Gnade, welches der Herr bereits in ihm gewirkt h a t t e. Wie Tausende von Christen heute, verwechselt auch er praktische Heiligung mit vollendeter Heiligung, die Reinigung der Person mit der Reinigung der Wege, die Stellung mit dem Zustand. Der Herr zeigt bei jener Gelegenheit diesen Unterschied sehr klar. „Wer gebadet ist, hat nicht nötig sich zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern ist ganz rein; und ihr seid rein". - Wenn jemand im Morgenlande, wo nur Sandalen getragen wurden, in der Frühe seinen Leib ganz gewaschen oder „gebadet"*) hatte, so bedurfte er vor der Einnahme der Abendmahlzeit nur der Reinigung seiner während des Tages durch den Wandel beschmutzten Füße. Der Hauswirt besorgte für seine Gäste das Wasser zum Waschen ihrer Füße, aber nicht zum Baden des ganzen Körpers; denn das würde die Unreinheit der Person vorausgesetzt haben. Auf diesen Gebrauch spielt der Herr in dem Tadel an den Pharisäer Simon für die Ihm in dieser Beziehung widerfahrene Vernachlässigung an, indem Er sagt: „Du hast mir kein Wasser auf m e i n e Füße gegeben" (Luk 7, 44).
Die geistliche Bedeutung dieser durch das Verlangen des Petrus veranlaßten Erklärung des Herrn ist also sehr klar. Die Jünger waren bezüglich ihrer Person rein - sie waren wiedergeboren. Sie waren durch das Waschen der Wiedergeburt „ganz rein" und schon im Besitz eines neuen Lebens und einer neuen Stellung vor Gott, wie sie nicht vollkommener sein konnten. Wiedergeboren „aus Wasser und Geist", besaßen sie eine „göttliche Natur", kraft welcher sie hinsichtlich ihrer Person ein für allemal passend für die Gegenwart Gottes gemacht waren und folglich zu jeder Zeit ein A n r e c h t auf die Gemeinschaft mit Gott im Heiligtum hatten. Aber wegen des Genusses dieser Gemeinschaft und ihres Wandels mit Jesu im Heiligtum mußten ihre Füße von der Verunreinigung gesäubert werden, die sie sich auf ihrem
Wandel durch eine böse Welt zugezogen hatten. Und das geschah mittels der Anwendung des Wortes durch den Geist nicht auf ihre P e r s o n, sondern auf ihr H e r z und G e w i s s en, so daß sie sich infolgedessen selbst richteten und von allem trennten, was in ihren Gedanken und in ihrem Wandel mit der Natur und dem Charakter Gottes unvereinbar war. Dies allein befähigte sie, mit Jesu an den himmlischen Segnungen teilzuhaben, welche Er als Mensch für sie in Besitz genommen hatte.
Es muß hier bemerkt werden, daß weder die Person noch die Füße mit B l u t gewaschen sind. Insoweit bedarf es der „Waschung mit Wasser durch das Wort". Im Blick auf die S t e l l u n g ist es eine ein für allemal vollendete Handlung, die sich nicht wiederholt; aber hinsichtlich des Z u s t a n d e s bedarf es einer jedesmaligen Wiederholung, sooft man sich irgendwie eine Verunreinigung im Wandel zugezogen hat, weil es sich um die praktische Gemeinschaft oder den Genuß handelt. Das erhellt vorbildlich die Weihung der Priester in Verbindung mit dem Waschbecken, wovon wir hier das gepriesene Gegenbild sehen: „Und Aaron und seine Söhne sollst du herzunahen lassen an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und sie mit Wasser waschen" (2. Mose 29. 4). Dann wurden ihnen die priesterlichen Kleider angezogen; es wurde Blut auf ihr rechtes Ohrläppchen, auf ihren Daumen und auf die große Zehe ihres rechten Fußes gegeben, und nachdem sie mit dem heiligen Salböl besprengt waren und man die erforderlichen Opfer dargebracht hatte, waren sie ein für allemal für den „priesterlichen Dienst" geheiligt. Ihre priesterliche Stellung war vollendet und somit ihr Anrecht zum Eintritt in das Heiligtum auf immer gültig. Aber ihre praktische Fähigkeit zu diesem Eintritt und zum Dienst am Altar vor dem Herrn erforderte noch etwas anderes, nämlich den täglichen Gebrauch des Waschbeckens : „Und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße d a r a u s waschen. Wenn sie in das Zelt der Zusammenkunft hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, daß sie nicht sterben, oder wenn sie dem Altar nahen zum Dienst, ein Feueropfer zu räuchern dem Jehova. Und sie sollen ihre Hände und ihre Füße waschen, daß sie nicht sterben" (2. Mose 30, 19-20). Die Annahme ihres priesterlichen Dienstes war verbunden mit der Waschung ihrer Personen im Wasser des Waschbeckens zur Zeit ihrer Weihung, während die Fähigkeit zur praktischen
Ausübung dieses Dienstes, und zwar so oft sie dienten, mit der Waschung ihrer Hände und Füße mit Wasser aus demselben Waschbecken verknüpft war.
Das Letztere nun stellt uns der Herr in der Handlung der Fußwaschung vor Augen. Sein gegenwärtiger Dienst in der Herrlichkeit trennt die Seinen in der Welt durch die Wirksamkeit des Wortes auf ihr Gewissen von jeder Verunreinigung, die sie sich, wiewohl sie schon Geheiligte sind, auf ihrem Wandel zugezogen haben, so daß sie als Priester mit Ihm an dem Dienst und der Anbetung Gottes innerhalb des Vorhangs teilhaben können..
Alle Gläubigen sind vollkommene Priester vor Gott, wie wenig sie auch davon verstehen und genießen mögen. Ihre Leiber sind gewaschen mit reinem Wasser, besprengt mit dem Blute Christi und gesalbt mit dem Heiligen Geiste. Ihre Weihung ist eine vollendete Tatsache, und sie sind u n - widerruflich ein „heiliges Priestertum" -die wahren Söhne Aarons. Um jedoch mit dem wahren Aaron, mit Christo, teilzuhaben im himmlischen Heiligtum, müssen ihre F ii fi e beständig mit dem Wasser des Waschbeckens gewaschen werden. Die Gläubigen waschen sich nicht selbst, sondern Christus wäscht ihre Füße, und zwar nach Seiner Kenntnis dessen, was der Gegenwart Gottes angemessen ist. Die Triebfedern dieser Handlung in Liebe und Einsicht befinden sich g a n z u n d g a r in Ihm Selbst. Unsere Errettung und unsere Weihung zum Priestertum sind souveräne Akte der Liebe Christi. Seine Hände haben alles bewirkt; Sein Name sei dafür gepriesen! Ebenso hängt auch unsere Gemeinschaft von Christo und nicht von uns selbst ab; auch sie ist ein souveräner Akt Seiner Liebe, die unsere Füße wäscht und unsere Gemeinschaft wiederherstellt. „Was ich tue, weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach verstehen". Wenn unsere Gemeinschaft und unsere Kraft zum Dienst, nachdem wir sie durch unsere Nachlässigkeit verloren hatten, wieder hergestellt worden sind, so wissen wir, w er es getan hat; wir aber können nur eins tun: Ihn dafür preisen. Obwohl wir stets „ganz rein" vor Gott sind, so fühlen wir uns doch ohne Seine Gemeinschaft unglücklich und haben das Bedürfnis nach Wiederherstellung - nach Reinigung unserer Füße. Blicken wir dann auf Jesum, so sehen wir in Ihm Den, Der, diesem Bedürfnis entsprechend, umgürtet ist, und daß Er unsere Füße wäscht, macht unsere Herzen angesichts der in dieser Handlung sich offenbarenden Liebe wieder glücklich und bringt uns zu dem 5 e.w u t s e i -n, daß die Gemeinschaft mit Ihm wiederhergestellt ist - wir haben ein „Teil" mit Ihm.
Möge unser treuer und hochgelobter Heiland, Dessen Dienst hinsichtlich unserer Herzen und Wege so unentbehrlich ist, unsere Herzen im demütigen Verständnis Seiner Gnade und Liebe bewahren! Denn je mehr wir diese Gnade verstehen, desto mehr werden wir zu jener Gnade geleitet, durch welche wir in Liebe andern dienen. Das aber führt uns zu einem sich unmittelbar anschließenden weiteren Gegenstand der Betrachtung, ausgedrückt in den Worten ‚des Herrn: „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen". Es ist unmöglich, im Genuß der göttlichen Segnungen selbstsüchtig zu bleiben; die Glückseligkeit macht mitteilsam, So genügte es dem Sohn der Liebe des Vaters nicht, in den Segnungen jener Liebe zu bleiben; es war Ihm ein Bedürfnis, den Vater zu offenbaren, wie Er ihn kannte. Er sagte zu dem Vater im Blick auf die, welche Ihm der Vater aus der Welt gegeben hatte: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf daß die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei". Dieses ist die Sprache Seines Herzens - die geheime Quelle jenes gesegneten Dienstes der Liebe, den Er von den Höhen des Himmels her an den Seinen in dieser Welt ausübt. Es ist dieselbe Sprache und derselbe Dienst, wenn jener Jünger, „welchen Jesus liebte", sagt: „Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habt und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus. Und dieses schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei". - Beider Herzen, das des Lehrers und des Jüngers, werden durch denselben Beweggrund geleitet, nämlich daß andere ein „Teil mit mir" haben. Die Liebe findet in dem verborgenen Genuß der eigenen Segnungen ihre Wonne im Dienen. Die Vollkommenheit eines solchen Dienstes sehen wir in Ihm, Der mit Recht „Herr und Lehrer" genannt wird. Und wenn Er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, auf daß, gleichwie ich euch getan habe, auch ihr tut", so fügt Er hinzu: „Wenn ihr dies wisset, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut". Welche Glückseligkeit aber könnte mit dieser verglichen werden, die aus der .... Gemeinschaft mit Jesu in diesem heiligen Dienst entspringt, zu welchem Er auch uns beruft?
Es gilt, in diesem uns zur Nachahmung dargestellten Dienst zwei Elemente zu beachten: die Liebe, welche frei von Selbstsucht, alles, was wir an Segnungen Gottes besitzen, mit andern zu teilen sucht, und die Demut des Herzens, die dazu befähigt, sich den Gegenständen unserer Liebe unterzuordnen, um das Mittel zu deren Segnung zu werden. Nur insofern, als wir die Gnade Jesu, welcher uns die Füße wäscht, verwirklichen, sind wir zu diesem Dienst fähig. Die Liebe und Niedriggesinntheit, ohne die ein solcher Dienst unmöglich ist, kann uns nur aus Seinem Herzen durch unsere Gemeinschaft mit Ihm zufließen. Je mehr wir uns dessen erfreuen, was Gott in Licht und Liebe ist, wir vermögen dies nur, wenn unsere Füße von Christo in der obenerwähnten Weise gewaschen sind, desto mehr sind wir moralisch imstande, bei anderen das zu entdecken, was mit diesem Gott unvereinbar ist und ihre Gemeinschaft mit Ihm stört. Wir sehen dann in göttlicher Weise, was die Kraft der Anbetung und des Dienstes in ihnen schwächt, und sowohl die Liebe zu ihnen, als auch die Betrachtung der Herrlichkeit in ihnen, treibt uns an, ihnen die Füße zu waschen. Aber zugleich werden wir dadurch auch in dem Bewußtsein unseres Nichts zu Christo getrieben, um von Ihm die zu diesem Dienst notwendige Kraft und Weisheit zu erlangen.
Nur der Gedanke an die Wiederherstellung ihrer Gemeinschaft mit Gott darf uns leiten, wenn wir ihnen mit Zittern und Sanftmut des Herzens nachgehen in der Liebe und Kraft Christi. Die Schönheit der Gesinnung, in welcher die Fußwaschung ausgeübt werden sollte, zeigt uns der Apostel sehr treffend in den Worten:,, Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringet ihr, die Geistlichen, einen solchen w i e d e r z u r e c h t im Geiste der Sanftmut, indem du auf dich selbst siehst, daß nicht auch du versucht werdest" (Gal 6, 1). - Diese Gesinnung ist weit von dem Geiste entfernt, der nur Fehler bei anderen sucht, um sie zu richten, wozu wir so neigen, wenn wir nicht wachsam über uns selbst sind. Offenbare Fehler anderer aber haben wir nicht zu beschauen, sondern durch die Anwendung des Wortes Gottes in einer Weise beseitigen zu helfen, die den Eindruck gibt, daß unsere Hilfe nur von Liebe und Demut bestimmt ist. Es genügt nicht, daß ich das Böse in einem anderen kenne und das leinene Tuch• und das Wasser in Bereitschaft zur Fußwaschung habe, sondern ich muß vor allem sein Vertrauen zu gewinnen und sein Herz in meiner
Gegenwart in Ruhe zu bringen suchen durch das Gefühl, daß die Liebe und nur die Liebe mich zu Ihm geführt habe. Er muß es mir abfühlen, daß ich bereit bin, mich zu seinen Füßen zu beugen und sie zu waschen, wenn er sich mir nur überlassen will.
Wir müssen es als ein gesegnetes Vorrecht betrachten, daß der Herr uns berufen hat, einander die Füße zu waschen. Es ist ein Dienst, den wir allen Heiligen schulden, und wir sollten darüber wachen, ihn an allen auszuüben, die Christo angehören. Wir bedürfen dazu nicht der besonderen Gabe eines Lehrers oder Hirten, sondern es ist einfach ein Dienst der Liebe, den ein Gläubiger dem andern nach der Ermahnung des Herrn im tagtäglichen Leben schuldet. Wenn wir glücklich sind im Herrn und mit Ihm wandeln, wird es bei uns an der Ausübung dieses Dienstes gegen andere nicht fehlen. Nach diesem Dienst, der durch die glänzendsten Gaben nicht ersetzt werden kann, besteht ein großes Bedürfnis unter den Heiligen; es ist der Dienst, der im Hause, in der Einsamkeit des täglichen Lebens ausgeübt wird. Hier ist der Platz der wahren Fußwaschung und je mehr wir Christum als Den kennen, Der in unserem vertraulichen Verkehr mit Ihm die Füße wäscht, desto mehr werden wir im vertrauten Umgang mit anderen Gläubigen ihnen die Füße zu waschen suchen.
Möge der Herr uns helfen, daß wir einander in Liebe dienen! Wir werden dann erfahren, daß es nicht ein einseitiger, sondern ein gegenseitiger Dienst ist.
*) Dieses Wort unterscheidet sich im Urtext von dem auf die Fußwaschung angewandten Wort.
Der gegenwärtige Dienst Jesu, BdH 1876
Die Mitteilung in Joh. 13, daß der Herr während des Abendessens aufstand und Seinen Jüngern die Füße wusch, ist sehr köstlich und bezeichnend. Sie zeigt dem geöffneten Glaubensauge, was der Herr in Seiner Liebe g e g e n w ä r t i g für die Seinen tut. Was Petrus in jenem Augenblick nicht wußte, aber „hernach" verstehen sollte, das verstehen wir jetzt durch die Macht und Belehrung des Heiligen Geistes, und in dem Maße wie wir mit g a n z e m Herzen die in dieser Handlung dargestellte Gnade Christi ergreifen, erfreuen wir uns unserer gegenwärtigen Stellung als solche, welche Sein sind in dieser Welt.
Für Jesum war die Stunde' gekommen, daß Er „aus dieser Welt zum Vater gehen sollte". Er sieht im Geist das Werk, welches Er nach dem Willen des Vaters auf der Erde tun sollte, schon vollbracht. Das Kreuz liegt hinter Ihm. Die Jünger hatten an der rührenden Gedächtnisfeier Seiner Liebe teilgenommen - einer Liebe, die stärker ist als der Tod und die viele Wasser nicht auszulöschen vermögen. Der Verräter stand im Begriff, sein finsteres und schreckliches Werk zu vollenden, wodurch zugleich jede Verbindung des Herrn mit dieser Welt abgebrochen wurde, während Er die Seinen als die Gegenstände Seiner Liebe in dieser Welt zurückließ. Ihnen sollte dieselbe Liebe bleiben, womit Jesus sie geliebt hatte, als Er Selbst noch in der Welt war. „Er liebte sie bis ans Ende", durch alle Zeiten hindurch und in allen Umständen.
Das waren die Gefühle des Herzens Jesu im Blick auf Seine Jünger, die mit Ihm zu Tische lagen. Zugleich empfand Er auch, daß alle ihre Segnungen von Ihm abhingen. Er wußte, daß der Vater' Ihm a ll e s in die Hände gegeben hatte. Das Werk ihrer Erlösung, das der Vater Ihm aufgetragen hatte, hatte Er in wahrhaft vollkommener Weise vollbracht, so daß Seine Liebe in dieser Hinsicht kein Betätigungsfeld mehr fand. Das Abendessen war der Ausdruck hierfür. Aber das war nicht alles, was in Seine Hände gegeben war. Wie Er „von Gott ausgegangen war und zu Gott hinging", also wollte Er auch die Seinen zu Gott hinführen, damit sie mit Ihm in derselben Gemeinschaft und Herrlichkeit sein sollten, in welche Er einzutreten im Begriff stand.
Das waren die tiefen und mächtigen Gedanken der Liebe und göttlichen Absichten mit den Seinen, welche das Herz Jesu erfüllten. Aber wie sollte Er ihnen begreiflich machen, was Seine Liebe nunmehr für sie tun wollte, wenn sie Ihn nicht mehr sehen und hören konnten? Wie konnte Er sie fühlen lassen, daß Er ihnen blieb und daß ihre Segnungen auch fernerhin nur von Ihm abhingen in der Wirksamkeit einer unveränderlichen Liebe? Er hatte ihnen ein bleibendes Gedenken daran hinterlassen, daß er in Seiner Liebe für sie starb, und an diese Liebe bis in den Tod sollten sie beim Anblick des gebrochenen Brotes und des ausgegossenen Weins durch Seine Worte: „Das ist mein Leib - für euch gegeben", und: „Das ist mein Blut - für euch vergossen", stets erinnert werden. Aber in welcher Weise sollte Er ihnen eine bleibende Darstellung von jener Liebe geben, die nun ihre Verbindung mit Ihm an jenem Platze verwirklichen sollte, den Er jetzt für sie einnehmen wollte? „Er steht vom Abendessen auf und legt die Oberkleider ab, und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann gießt er Wasser in das Waschbecken. und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen, mit welchem er umgürtet war" (V. 4. 5).
Welch ein Anblick mußte es für die staunenden Jünger sein, als der Herr, Dessen Macht sie oft bezeugt, Dessen Herrlichkeit sie auf dem Berge der Verklärung gesehen und Den sie als den Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, erkannt hatten, Sich zu dem niedrigsten Dienst, zum Waschen ihrer Füße, herabließ! Deshalb wohl rief Petrus, als der Heiland niederkniete, um seine Füße zu waschen, mit ablehnendem Eifer aus: „Herr, du wäschest m e i n e Füße?" Aber so sehr er den Herrn auch liebte, so begriff er doch wenig von dem Geheimnis der Liebe, die von der Höhe der göttlichen und himmlischen Herrlichkeit herabgekommen war, um ihm zu dienen. Er verstand noch nicht, wie nötig das alles für ihn war, was jene Liebe für ihn getan hatte und noch tun wollte und wie tief Sich der Herr herablassen, wie fortdauernd diese Liebe sein mußte. Der Herr muß ihm sagen: „Was ich tue, weißt du jetzt nicht; du wirst es aber hernach verstehen". Doch diese Belehrung genügte dem feurigen Jünger nicht. In seiner Unwissenheit sah er nur eine Herabwürdigung seines Herrn in Dessen Handlung, die er für seine Person nicht dulden konnte. Deshalb ruft er aus: „Du sollst nimmermehr meine Füße waschen". Weder fühlte, noch kannte er die Notwendigkeit dieser Erniedrigung und er suchte den Herrn daran zu hindern, so wie er es einst im Blick auf das Kreuz getan und sich den Tadel des Herrn zugezogen hatte: „Geh hinter mich, Satan! du bist mir ein Ärgernis; denn du sinnest nicht auf das, was Gcttes, sondern auf das, was der Menschen ist". Dort war Petrus das Werkzeug Satans, indem er sich zwischen den Herrn und jenes Werk stellen wollte, wodurch Gott verherrlicht und der Sünder gerettet werden sollte.
Das war mehr als Unwissenheit, und daher die Schärfe. jenes Tadels. Hier wollte er sich in einem unverständigen Eifer für die Ehre des Herrn zwischen diesen und seine eigene Segnung stellen, weshalb der Herr ihn schlicht belehrt: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir", - d. h. er hätte die himmlischen Segnungen, in die der Herr jetzt einzutreten im Begriff war, in Gemeinschaft mit Christo nicht genießen können.
Nur durch die Ausübung der Liebe Jesu in jenem Dienst, der uns in der Fußwaschung dargestellt wird, können die Seinen während ihres Wandels in der Welt den Genuß der Gemeinschaft mit Ihm im Himmel haben. Deshalb zeigte sich Jesus Seinen Jüngern in jener köstlichen, mit dem Abendessen verbundenen Handlung als der umgürtete Diener, der jetzt in der Herrlichkeit stets bereit ist, ihnen zu dienen und ihre Füße zu waschen. Das Brechen des Brotes sollte sie an Den erinnern, Der auf dem Kreuze ihre Sünden getragen hatte. Indem sie von diesem Brote aßen und von diesem Kelche tranken, nährten sie sich von dem gestorbenen Christus und erfreuten sich jener Liebe, die alles für sie getan, die sie gerettet und zu Gott geführt hatte, ohne daß ihnen auch nur eine einzige Sünde den Eintritt in Seine heilige Gegenwart verwehren konnte. Das leinene Tuch und das mit Wasser gefüllte Waschbecken aber sollten ihr Glaubensauge auf Ihn richten, wie Er auch gegenwärtig in Liebe mit ihnen beschäftigt ist, und zwar mit einer Liebe, die - obgleich in Herrlichkeit und außer dem Bereiche ihres natürlichen Auges ausgeübt - sie auf ihrem ganzen Wege durch die Wüste begleitet. Ja, durch den unaufhörlichen Dienst, den Jesu in der Fußwaschung den Seinen erweist, befähigt Er sie zum Genus Seiner Gegenwart und Seiner eigenen Freude. Das ist für ein Herz, welches Ihn kennt und liebt, der köstlichste Teil. Deshalb sagte auch Petrus, indem er die Kraft der Worte des Herrn: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast d u kein Teil mit mir" zu fassen begann,
mit einem brennenden Verlangen nach dem vollen Besitz der in jenen Worten angedeuteten Segnungen: „Herr, nicht meine Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt". Er empfand auf einmal, daß nicht allein seine Füße, sondern auch seine Natur und sein ganzes Wesen der Reinigung bedurften. So mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt, übersah er jedoch in U n w i s s e n h e i t das Werk der Gnade, welches der Herr bereits in ihm gewirkt h a t t e. Wie Tausende von Christen heute, verwechselt auch er praktische Heiligung mit vollendeter Heiligung, die Reinigung der Person mit der Reinigung der Wege, die Stellung mit dem Zustand. Der Herr zeigt bei jener Gelegenheit diesen Unterschied sehr klar. „Wer gebadet ist, hat nicht nötig sich zu waschen, ausgenommen die Füße, sondern ist ganz rein; und ihr seid rein". - Wenn jemand im Morgenlande, wo nur Sandalen getragen wurden, in der Frühe seinen Leib ganz gewaschen oder „gebadet"*) hatte, so bedurfte er vor der Einnahme der Abendmahlzeit nur der Reinigung seiner während des Tages durch den Wandel beschmutzten Füße. Der Hauswirt besorgte für seine Gäste das Wasser zum Waschen ihrer Füße, aber nicht zum Baden des ganzen Körpers; denn das würde die Unreinheit der Person vorausgesetzt haben. Auf diesen Gebrauch spielt der Herr in dem Tadel an den Pharisäer Simon für die Ihm in dieser Beziehung widerfahrene Vernachlässigung an, indem Er sagt: „Du hast mir kein Wasser auf m e i n e Füße gegeben" (Luk 7, 44).
Die geistliche Bedeutung dieser durch das Verlangen des Petrus veranlaßten Erklärung des Herrn ist also sehr klar. Die Jünger waren bezüglich ihrer Person rein - sie waren wiedergeboren. Sie waren durch das Waschen der Wiedergeburt „ganz rein" und schon im Besitz eines neuen Lebens und einer neuen Stellung vor Gott, wie sie nicht vollkommener sein konnten. Wiedergeboren „aus Wasser und Geist", besaßen sie eine „göttliche Natur", kraft welcher sie hinsichtlich ihrer Person ein für allemal passend für die Gegenwart Gottes gemacht waren und folglich zu jeder Zeit ein A n r e c h t auf die Gemeinschaft mit Gott im Heiligtum hatten. Aber wegen des Genusses dieser Gemeinschaft und ihres Wandels mit Jesu im Heiligtum mußten ihre Füße von der Verunreinigung gesäubert werden, die sie sich auf ihrem
Wandel durch eine böse Welt zugezogen hatten. Und das geschah mittels der Anwendung des Wortes durch den Geist nicht auf ihre P e r s o n, sondern auf ihr H e r z und G e w i s s en, so daß sie sich infolgedessen selbst richteten und von allem trennten, was in ihren Gedanken und in ihrem Wandel mit der Natur und dem Charakter Gottes unvereinbar war. Dies allein befähigte sie, mit Jesu an den himmlischen Segnungen teilzuhaben, welche Er als Mensch für sie in Besitz genommen hatte.
Es muß hier bemerkt werden, daß weder die Person noch die Füße mit B l u t gewaschen sind. Insoweit bedarf es der „Waschung mit Wasser durch das Wort". Im Blick auf die S t e l l u n g ist es eine ein für allemal vollendete Handlung, die sich nicht wiederholt; aber hinsichtlich des Z u s t a n d e s bedarf es einer jedesmaligen Wiederholung, sooft man sich irgendwie eine Verunreinigung im Wandel zugezogen hat, weil es sich um die praktische Gemeinschaft oder den Genuß handelt. Das erhellt vorbildlich die Weihung der Priester in Verbindung mit dem Waschbecken, wovon wir hier das gepriesene Gegenbild sehen: „Und Aaron und seine Söhne sollst du herzunahen lassen an den Eingang des Zeltes der Zusammenkunft und sie mit Wasser waschen" (2. Mose 29. 4). Dann wurden ihnen die priesterlichen Kleider angezogen; es wurde Blut auf ihr rechtes Ohrläppchen, auf ihren Daumen und auf die große Zehe ihres rechten Fußes gegeben, und nachdem sie mit dem heiligen Salböl besprengt waren und man die erforderlichen Opfer dargebracht hatte, waren sie ein für allemal für den „priesterlichen Dienst" geheiligt. Ihre priesterliche Stellung war vollendet und somit ihr Anrecht zum Eintritt in das Heiligtum auf immer gültig. Aber ihre praktische Fähigkeit zu diesem Eintritt und zum Dienst am Altar vor dem Herrn erforderte noch etwas anderes, nämlich den täglichen Gebrauch des Waschbeckens : „Und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände und ihre Füße d a r a u s waschen. Wenn sie in das Zelt der Zusammenkunft hineingehen, sollen sie sich mit Wasser waschen, daß sie nicht sterben, oder wenn sie dem Altar nahen zum Dienst, ein Feueropfer zu räuchern dem Jehova. Und sie sollen ihre Hände und ihre Füße waschen, daß sie nicht sterben" (2. Mose 30, 19-20). Die Annahme ihres priesterlichen Dienstes war verbunden mit der Waschung ihrer Personen im Wasser des Waschbeckens zur Zeit ihrer Weihung, während die Fähigkeit zur praktischen
Ausübung dieses Dienstes, und zwar so oft sie dienten, mit der Waschung ihrer Hände und Füße mit Wasser aus demselben Waschbecken verknüpft war.
Das Letztere nun stellt uns der Herr in der Handlung der Fußwaschung vor Augen. Sein gegenwärtiger Dienst in der Herrlichkeit trennt die Seinen in der Welt durch die Wirksamkeit des Wortes auf ihr Gewissen von jeder Verunreinigung, die sie sich, wiewohl sie schon Geheiligte sind, auf ihrem Wandel zugezogen haben, so daß sie als Priester mit Ihm an dem Dienst und der Anbetung Gottes innerhalb des Vorhangs teilhaben können..
Alle Gläubigen sind vollkommene Priester vor Gott, wie wenig sie auch davon verstehen und genießen mögen. Ihre Leiber sind gewaschen mit reinem Wasser, besprengt mit dem Blute Christi und gesalbt mit dem Heiligen Geiste. Ihre Weihung ist eine vollendete Tatsache, und sie sind u n - widerruflich ein „heiliges Priestertum" -die wahren Söhne Aarons. Um jedoch mit dem wahren Aaron, mit Christo, teilzuhaben im himmlischen Heiligtum, müssen ihre F ii fi e beständig mit dem Wasser des Waschbeckens gewaschen werden. Die Gläubigen waschen sich nicht selbst, sondern Christus wäscht ihre Füße, und zwar nach Seiner Kenntnis dessen, was der Gegenwart Gottes angemessen ist. Die Triebfedern dieser Handlung in Liebe und Einsicht befinden sich g a n z u n d g a r in Ihm Selbst. Unsere Errettung und unsere Weihung zum Priestertum sind souveräne Akte der Liebe Christi. Seine Hände haben alles bewirkt; Sein Name sei dafür gepriesen! Ebenso hängt auch unsere Gemeinschaft von Christo und nicht von uns selbst ab; auch sie ist ein souveräner Akt Seiner Liebe, die unsere Füße wäscht und unsere Gemeinschaft wiederherstellt. „Was ich tue, weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach verstehen". Wenn unsere Gemeinschaft und unsere Kraft zum Dienst, nachdem wir sie durch unsere Nachlässigkeit verloren hatten, wieder hergestellt worden sind, so wissen wir, w er es getan hat; wir aber können nur eins tun: Ihn dafür preisen. Obwohl wir stets „ganz rein" vor Gott sind, so fühlen wir uns doch ohne Seine Gemeinschaft unglücklich und haben das Bedürfnis nach Wiederherstellung - nach Reinigung unserer Füße. Blicken wir dann auf Jesum, so sehen wir in Ihm Den, Der, diesem Bedürfnis entsprechend, umgürtet ist, und daß Er unsere Füße wäscht, macht unsere Herzen angesichts der in dieser Handlung sich offenbarenden Liebe wieder glücklich und bringt uns zu dem 5 e.w u t s e i -n, daß die Gemeinschaft mit Ihm wiederhergestellt ist - wir haben ein „Teil" mit Ihm.
Möge unser treuer und hochgelobter Heiland, Dessen Dienst hinsichtlich unserer Herzen und Wege so unentbehrlich ist, unsere Herzen im demütigen Verständnis Seiner Gnade und Liebe bewahren! Denn je mehr wir diese Gnade verstehen, desto mehr werden wir zu jener Gnade geleitet, durch welche wir in Liebe andern dienen. Das aber führt uns zu einem sich unmittelbar anschließenden weiteren Gegenstand der Betrachtung, ausgedrückt in den Worten ‚des Herrn: „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen". Es ist unmöglich, im Genuß der göttlichen Segnungen selbstsüchtig zu bleiben; die Glückseligkeit macht mitteilsam, So genügte es dem Sohn der Liebe des Vaters nicht, in den Segnungen jener Liebe zu bleiben; es war Ihm ein Bedürfnis, den Vater zu offenbaren, wie Er ihn kannte. Er sagte zu dem Vater im Blick auf die, welche Ihm der Vater aus der Welt gegeben hatte: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf daß die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei". Dieses ist die Sprache Seines Herzens - die geheime Quelle jenes gesegneten Dienstes der Liebe, den Er von den Höhen des Himmels her an den Seinen in dieser Welt ausübt. Es ist dieselbe Sprache und derselbe Dienst, wenn jener Jünger, „welchen Jesus liebte", sagt: „Was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habt und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus. Und dieses schreiben wir euch, auf daß eure Freude völlig sei". - Beider Herzen, das des Lehrers und des Jüngers, werden durch denselben Beweggrund geleitet, nämlich daß andere ein „Teil mit mir" haben. Die Liebe findet in dem verborgenen Genuß der eigenen Segnungen ihre Wonne im Dienen. Die Vollkommenheit eines solchen Dienstes sehen wir in Ihm, Der mit Recht „Herr und Lehrer" genannt wird. Und wenn Er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, auf daß, gleichwie ich euch getan habe, auch ihr tut", so fügt Er hinzu: „Wenn ihr dies wisset, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut". Welche Glückseligkeit aber könnte mit dieser verglichen werden, die aus der .... Gemeinschaft mit Jesu in diesem heiligen Dienst entspringt, zu welchem Er auch uns beruft?
Es gilt, in diesem uns zur Nachahmung dargestellten Dienst zwei Elemente zu beachten: die Liebe, welche frei von Selbstsucht, alles, was wir an Segnungen Gottes besitzen, mit andern zu teilen sucht, und die Demut des Herzens, die dazu befähigt, sich den Gegenständen unserer Liebe unterzuordnen, um das Mittel zu deren Segnung zu werden. Nur insofern, als wir die Gnade Jesu, welcher uns die Füße wäscht, verwirklichen, sind wir zu diesem Dienst fähig. Die Liebe und Niedriggesinntheit, ohne die ein solcher Dienst unmöglich ist, kann uns nur aus Seinem Herzen durch unsere Gemeinschaft mit Ihm zufließen. Je mehr wir uns dessen erfreuen, was Gott in Licht und Liebe ist, wir vermögen dies nur, wenn unsere Füße von Christo in der obenerwähnten Weise gewaschen sind, desto mehr sind wir moralisch imstande, bei anderen das zu entdecken, was mit diesem Gott unvereinbar ist und ihre Gemeinschaft mit Ihm stört. Wir sehen dann in göttlicher Weise, was die Kraft der Anbetung und des Dienstes in ihnen schwächt, und sowohl die Liebe zu ihnen, als auch die Betrachtung der Herrlichkeit in ihnen, treibt uns an, ihnen die Füße zu waschen. Aber zugleich werden wir dadurch auch in dem Bewußtsein unseres Nichts zu Christo getrieben, um von Ihm die zu diesem Dienst notwendige Kraft und Weisheit zu erlangen.
Nur der Gedanke an die Wiederherstellung ihrer Gemeinschaft mit Gott darf uns leiten, wenn wir ihnen mit Zittern und Sanftmut des Herzens nachgehen in der Liebe und Kraft Christi. Die Schönheit der Gesinnung, in welcher die Fußwaschung ausgeübt werden sollte, zeigt uns der Apostel sehr treffend in den Worten:,, Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringet ihr, die Geistlichen, einen solchen w i e d e r z u r e c h t im Geiste der Sanftmut, indem du auf dich selbst siehst, daß nicht auch du versucht werdest" (Gal 6, 1). - Diese Gesinnung ist weit von dem Geiste entfernt, der nur Fehler bei anderen sucht, um sie zu richten, wozu wir so neigen, wenn wir nicht wachsam über uns selbst sind. Offenbare Fehler anderer aber haben wir nicht zu beschauen, sondern durch die Anwendung des Wortes Gottes in einer Weise beseitigen zu helfen, die den Eindruck gibt, daß unsere Hilfe nur von Liebe und Demut bestimmt ist. Es genügt nicht, daß ich das Böse in einem anderen kenne und das leinene Tuch• und das Wasser in Bereitschaft zur Fußwaschung habe, sondern ich muß vor allem sein Vertrauen zu gewinnen und sein Herz in meiner
Gegenwart in Ruhe zu bringen suchen durch das Gefühl, daß die Liebe und nur die Liebe mich zu Ihm geführt habe. Er muß es mir abfühlen, daß ich bereit bin, mich zu seinen Füßen zu beugen und sie zu waschen, wenn er sich mir nur überlassen will.
Wir müssen es als ein gesegnetes Vorrecht betrachten, daß der Herr uns berufen hat, einander die Füße zu waschen. Es ist ein Dienst, den wir allen Heiligen schulden, und wir sollten darüber wachen, ihn an allen auszuüben, die Christo angehören. Wir bedürfen dazu nicht der besonderen Gabe eines Lehrers oder Hirten, sondern es ist einfach ein Dienst der Liebe, den ein Gläubiger dem andern nach der Ermahnung des Herrn im tagtäglichen Leben schuldet. Wenn wir glücklich sind im Herrn und mit Ihm wandeln, wird es bei uns an der Ausübung dieses Dienstes gegen andere nicht fehlen. Nach diesem Dienst, der durch die glänzendsten Gaben nicht ersetzt werden kann, besteht ein großes Bedürfnis unter den Heiligen; es ist der Dienst, der im Hause, in der Einsamkeit des täglichen Lebens ausgeübt wird. Hier ist der Platz der wahren Fußwaschung und je mehr wir Christum als Den kennen, Der in unserem vertraulichen Verkehr mit Ihm die Füße wäscht, desto mehr werden wir im vertrauten Umgang mit anderen Gläubigen ihnen die Füße zu waschen suchen.
Möge der Herr uns helfen, daß wir einander in Liebe dienen! Wir werden dann erfahren, daß es nicht ein einseitiger, sondern ein gegenseitiger Dienst ist.
*) Dieses Wort unterscheidet sich im Urtext von dem auf die Fußwaschung angewandten Wort.
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