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Zwanzig Jahre Geheimniskrämerei. Ich höre Grandma Bridgemans Stimme von vor zwanzig Jahren: „Emile, das Leben beantwortet dir nicht jede Frage. Manche Antworten bekommst du nie
Kapitel 1
„Amerika wird dir gefallen“, hatte meine Mutter schon immer gesagt. „Eines Tages fahren wir dorthin, und es wird dir bestimmt gefallen.“ Meine französische Großmutter, die ich Mamie Madeleine nannte, war nicht so begeistert. „Das ist ein Land ohne Geschichte, stolz und jung, dabei muss es noch so viel lernen. Hüte dich vor Amerika, Emile.“ Aber am Tag, bevor ich mein Heimatland verließ, stand sie da, den Kopf hoch erhoben, mit ihrem stolzen und strengen Blick, den ich so gut kannte, und flüsterte mir mit zugeschnürter Kehle zu: „Alles wird gut, Emile. Sei tapfer.“ Dann gab sie mir auf jede Wange ein Küsschen und weigerte sich, auch nur eine Träne zu vergießen.
Am nächsten Tag stiegen meine Mutter Janie Bridgeman de Bonnery und ich am Flughafen Orly in die Delta-Maschine. Niemand
war da, um uns zu verabschieden. Der Flug dauerte acht Stunden und ich sagte die ganze Zeit kein Wort, versuchte nicht, den Zorn zu besänftigen, der meine Schläfen zum Pulsieren brachte, und verschwendete keinen einzigen Gedanken daran, wie meine Mutter sich wohl fühlen mochte.
Sie war erleichtert, da war ich mir sicher. Sie konnte Frankreich endlich hinter sich lassen und aus einer Lebenssituation flüchten,
die ihr fünfzehn Jahre lang die Luft abgeschnürt hatte. Aber sie tat mir kein bisschen leid. Ich kochte innerlich und wusste, wenn ich den Mund aufmachte, würde ich explodieren. Die Landung in Atlanta an jenem späten Septembertag passte perfekt zu den nächsten neun Monaten meines Lebens: holprig – so holprig, dass ich in die Sitztasche vor mir griff, weil ich die Papiertüte brauchte, die darin steckte. „Emile, du bist ja ganz grün!“, verkündete meine Mutter den ganzen Passagieren um uns herum.
„Iih, ist das eklig“, sagte ein Junge von der anderen Seite des Ganges. Wütend starrte ich meine Mutter an und zischte auf Französisch: „Das ist deine Schuld! Das ist alles deine Schuld!“
Sie wusste, dass ich nicht nur die volle Papiertüte meinte, sagte aber nichts zu ihrer Verteidigung. Unentwegt drehte sie ein weißes Taschentuch auf ihrem Schoß hin und her, als könne sie die Spannung auswringen, die sich in den letzten Tagen aufgebaut hatte.Ich wünschte, eine Stimme wäre vom Himmel gekommen und hätte mir mitten in den Turbulenzen zugeflüstert: „Nun wird sich alles ändern, Emile. Nichts wird mehr so sein, wie es war.“
Es waren noch zwei Monate bis zu meinem vierzehnten Geburtstag, als ich mit meiner Mutter von Frankreich in die USA zog. Ich hatte mich das ganze Jahr auf eine Veränderung gefreut, ja sogar danach gesehnt – größer zu werden, Muskeln zu bekommen, Flaum im Gesicht und unter den Achseln. Aber als wir auf dem Flughafen von Atlanta standen, umgeben von Gepäckbergen, wollte ich sie nicht mehr. Ich wollte wieder in meine alte Welt zurück, die ich kannte und in der ich sicher war.
„Himmel noch mal, Emile, jetzt hilf dem Mann mit dem Gepäck!“, sagte meine Mutter entnervt. Ich warf ihr einen bösen Blick zu und begann halbherzig, gemeinsam mit einem Schwarzen in blauer Uniform Koffer und Taschen vom Gepäckband zu ziehen.
Mama half so gut sie konnte.
Trotz ihrer Statur und ihrem Auftreten – mit ihrem blassgelben Kostüm und den hochhackigen Schuhen sah sie aus wie aus einer Parfümwerbung – war meine Mutter eine Frau mit starkem Willen. Sie schob die schweren Koffer, die zum Teil halb so groß waren wie sie, vor sich her zu einem Wägelchen, auf dem der Gepäckträger gefährliche Stapel errichtete. Irgendwann schafften wir es bis hinaus zum Taxistand.„Das passt auf keinen Fall alles rein, Ma’am“, stellte der Gepäckträger entschieden fest.
Mamas Wangen wurden hellrot und ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen. „Dann nehmen wir eben zwei. Bekommen Sie das in zwei Taxis?“ „Ich kann’s versuchen, Ma’am.“ Der Gepäckträger winkte noch ein Taxi herbei. Zu dritt machten sich die Männer daran, die Koffer und Taschen zu verstauen.
Ich stand mit verschränkten Armen daneben und sah zu.Immer wenn meine Mutter besonders verärgert war, bellte sie ihre Befehle jedem entgegen, der zuhörte. Gleichzeitig zupfte sie dann an ihrer perfekt gestylten blonden Augenbraue herum. An diesem Tag zupfte sie, was das Zeug hielt, und rang zwischendurch die Hände. Ihre Sonnenbrille sah aus wie die von Mrs Kennedy, die man seit der Ermordung ihres Mannes vor einem Jahr im texanischen Dallas garnicht mehr ohne sah. Mama trug die Sonnenbrille, damit nicht die ganze Welt merkte, dass sie geweint hatte – sich die Augen ausgeheult hatte, um ehrlich zu sein –, obwohl man das trotzdem sehen konnte. Ihre Nase war etwas rosiger als die Wangen und ihre Lippen bebten die ganze Zeit.
Ich stand neben ihr, schwitzte und fragte mich, was um alles in der Welt ich mir da bloß eingehandelt hatte.
„Tut mir leid. Ich fürchte, du wirst deinem Frankreich Lebewohl sagen müssen.“ Diese Worte hatte Mamie Madeleine gestern gesagt, mit hoher und erregter Stimme, grimmigem Blick und zugleich feuchten Augen. Ihre Hände hatten gezittert, als ich die Koffer im Innenhof unseres kleinen Châteaus aus dem dreizehnten Jahrhundert aufeinandergestapelt hatte. Unser Château, das im Laufe der Jahre aufwendig restauriert und von Generation zu Generation weitervererbt worden war.Mein Vater war verschwunden und wir gingen nach Amerika, meine Mutter und ich. Mama versuchte sich zu rechtfertigen. „Emile, ich halte das nicht mehr aus. Das schaffe ich nicht. Dein Vater ... dein Vater hat eine andere, und ...“
Es war einfach so passiert. Zwei Tage später saßen wir im Flugzeug, mit dreiunddreißig Taschen und Koffern. Das Gesicht meiner
Mutter war vom Weinen und von meinen Wutausbrüchen rot und geschwollen. „Ich will hier nicht weg! Ich bleibe hier. Papa kommt bald zurück. Er kommt immer zurück. Ich bleibe hier!“ Ich hörte nicht auf. „Man kann nicht von heute auf morgen einfach aus seinem Land vertrieben werden. Ich komme nicht mit! Ich bleibe bei Mamie Madeleine. Geh doch alleine!“
Aber es nützte nichts. Obwohl sie sonst Erzfeinde waren, waren die beiden Bestimmerinnen meines Lebens sich ausnahmsweise einig: Meine Mutter und ich sollten Lyon sofort verlassen. Bei meinem Vater, Jean-Baptiste de Bonnery, war es schon Tradition, dass er plötzlich für ein, zwei Wochen verschwand. Mama hatte zwar immer irgendeine Geschäftsreise als Ausrede parat, aber ich
glaubte ihr kein Wort. Papa war ein Spion. Er arbeite für die Regierung, sagte er immer, und leite Leute an, die wichtige Entscheidungen träfen. Aber ich hatte genug Detektivgeschichten gelesen um zu wissen, dass das nur Tarnung war. „Papa ist bei der Spionageabwehr, oder, Mama?“, hatte ich ihr vor sechs Monaten die Pistole auf die Brust gesetzt. „Ich bin kein kleines Kind mehr. Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen.“
Sie hatte mich verwirrt angesehen und dann schnell gelacht. „Emile, wo hast du nur immer diese Ideen her! Hör auf, diese Bücher zu lesen und mach was Vernünftiges, hörst du? Dein Vater ist auf Geschäftsreise und kommt in zehn Tagen wieder.“ Bis vor Kurzem hatte sie immer recht behalten.Der Gepäckträger stopfte Koffer und Taschen in den Kofferraum
und auf den Rücksitz. „Wir hätten auf ihn warten sollen, Mama. Er kommt doch immer wieder. Warum soll es dieses Mal anders sein? Los, sag mir das!“ Ich hätte nicht in diesem Ton mit ihr reden dürfen. Wenn Papa da gewesen wäre, hätte er mir eine Ohrfeige verpasst. Aber das war es ja gerade. Papa war nicht da, und dieses Mal war es anders. Trotzdem gab ich mich mit Mamas Erklärung nicht zufrieden. Mein ganzes Leben hatte ich ihr geglaubt. Ironischerweise konnte ich es gerade jetzt nicht, wo die Beweislage erdrückend war. Jede Wette, dass sie mehr wusste, als sie sagte.
Aber ich wusste auch mehr, als ich sagte. Ich wusste mehr, als ich irgendwem anvertrauen konnte. Dass es scheinheilig war, mein Geheimnis für mich zu behalten und gleichzeitig zu erwarten, dass sie ihres preisgab, fiel mir nicht auf. Meine Mission lautete, die Wahrheit über meinen Vater herauszubekommen, und für eine noble Sache musste man eben manchmal kleine Unstimmigkeiten in Kauf nehmen. Ich ging zum Taxi, während Mama dem Fahrer einen Umschlag gab, auf dessen Rückseite die Adresse stand. „Wissen Sie, wo das ist? Das müsste im Nordteil der Stadt liegen.“ Der schwarze Fahrer legte die Hand an den Hut. „Ja, Ma’am. Ich fahre Sie hin.“
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