Vorgeschichte
Als Elisabeth Thompson, die elegant gekleidete junge Lehrerin aus Toronto, in die Eisenbahn nach Calgary stieg, hatte sie ein ganz bestimmtes Ziel im Auge: sie wollte die Kinder der Pioniere in einer Landschule unterrichten. Wynn Delaney, ein Mitglied der Königlichen Berittenen Polizei - auch Mounties genannt - sorgte jedoch dafür, daß alles anders kommen sollte.
Nach ihrer Trauung und einem kurzen Hochzeitsurlaub in Banff reisten die beiden zu einem entlegenen Indianerdorf im Norden Kanadas, wo Wynn als Polizist eingesetzt worden war. Es dauerte nicht lange, bis Elisabeth trotz schwieriger Umstände die Indianer ins Herz geschlossen und sie zu achten gelernt hatte.
Das Indianerdorf wurde von einem großen Unglück heimgesucht, als das Warenlager in Flammen aufging. Mit dem Lager verlor das Dorf sämtliche Wintervorräte für Mensch und Vieh. Nimmie Lain, die indianische Frau des Warenhändlers, war Elisabeths beste Freundin geworden. Elisabeth vermißte sie sehr, als Nimmie mit ihrem Mann „nach draußen", zurück zur Zivilisation, reiste, um neue Vorräte und Baumaterial für einen neuen Umschlagplatz zu beschaffen.
Nimmie hatte versprochen, im Frühjahr zurückzukehren. Elisabeth sah diesem Tag voller Ungeduld und Sehnsucht entgegen.
Endlich war die lange Wartezeit vorüber, und mit den hoch beladenen Planwagen kehrten auch Hoffnung, neue Kraft und Freude in das Indianerdorf zurück.
Heimkehr
Je mehr wir uns den ratternden Planwagen näherten, desto heftiger schlug mir das Herz. Am liebsten hätte ich meine langen Röcke gerafft, um loszulaufen, so schnell mich meine Beine trugen, doch ich bezwang meine Ungeduld. Ich wußte nicht recht, was mein Mann von mir denken würde, wenn ich einfach blindlings draufloslaufen würde, doch unsere indianischen Nachbarn würden zweifellos kein Verständnis für ein derartiges Benehmen aufbringen.
So nahe waren die Planwagen uns schon und doch noch so weit entfernt, als sie nun die Abhänge der letzten Hügel vor unserer Siedlung herabrollten. Ich hatte Nimmie während ihrer Abwesenheit arg vermißt und konnte es kaum erwarten, mich mit eigenen Augen von ihremWohlergehen zu überzeugen. Ich wollte sie in meine Arme schließen und sie zu Hause willkommen heißen. Ach, und ich mußte unbedingt mit ihr sprechen - stundenlang sollte sie mir sämtliche Einzelheiten aus der zivilisierten Welt und jedes ihrer Reiseerlebnisse berichten.
Wynn mußte geahnt haben, was in mir vorging. Er nahm meine Hand und drückte sie sanft.
„Jetzt wird's nicht mehr lange dauern!" versuchte er meine bebenden Hände und mein zitterndes Herz zu beruhigen.
Ich holte tief Luft, warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu und bemühte mich, meine Schritte zu verlangsamen, wenn mir das auch unendlich schwerfiel. Die Beine schmerzten mich geradezu vor Anstrengung.
Ich wollte nichts anderes, als endlich meine geliebte Nimmie wiedersehen.
Als ich glaubte, die Spannung keine Sekunde länger ertragen zu können, sah ich, wie jemand aus einem der Planwagen in der Ferne herauskletterte, und da kam Nimmie mir auch schon entgegengestürzt. Nun gab es für mich kein Halten mehr. Ich hob meine Rocksäume und rannte los.
Zuerst brachte keine von uns ein Wort hervor. Wir hielten einander nur umarmt. Tränen liefen uns über das Gesicht.
Nimmie war nicht nur meine lang ersehnte Freundin, sondern auch eine Botin allerhand Neuigkeiten aus der zivilisierten Welt, der Welt meiner Familie, die ich innig liebte und so sehr vermißte.
Als wir uns schließlich aus unserer Umarmung lösten, herrschte um uns herum eine geschäftige Unruhe. Wynn begrüßte gerade Herrn Lain, Nimmies Mann, und die Dorfbewohner drängten sich um uns. Die Kutscher hatten Mühe, die Pferde inmitten all der Aufregung ruhig zu halten. Alle schienen durcheinanderzureden, und Nimmie und ich wußten, daß es zwecklos sein würde, uns ausgerechnet jetzt miteinander zu unterhalten. Wir traten einen Schritt zurück, strahlten vor Wiedersehensfreude und versprachen einander mit leuchtenden Blicken ein ausführliches Gespräch, sobald wir die Gelegenheit dazu finden würden.
Dennoch wagte ich eine Frage: „Katherine?" fragte ich über das Stimmengewirr hinweg.
„Sie ist in der Stadt geblieben", antwortete Nimmie nur. Ich wußte, daß jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt war, Einzelheiten zu erfragen.
Langsam bewegte sich die ganze Menschenmenge mit den Planwagen auf die Siedlung zu. Eine nahezu unheimliche Stille herrschte auf dem Pfad,
der uns über die Hügel und durch das Gebüsch heimwärts führte.
Nimmies Kopf fuhr aufgeregt hin und her. Voller Spannung schaute sie nach rechts und links und beugte sich vor, um einen ersten Blick von den ihr so vertrauten Hütten in der Lichtung zu erhaschen. Ich wußte, daß ihre Gedanken zum Dorf vorauseilten. Meine dagegen kreisten um die Welt, die sie erst vor kurzem hinter sich gelassen hatte.
Schließlich konnte ich meine Ungeduld nicht länger zähmen.
„Habt ihr meine Verwandten in Calgary besucht?" fragte ich und hoffte dabei inständig, daß sie diese Frage bejahen würde.
Sie wandte sich zu mir um. Ihre Augen leuchteten.
„Sie sind allesamt riesig nett!" rief sie begeistert. „Mary hat ein Herz aus Gold, und die Kinder - ach,ich habe sie einfach liebgewonnen!"
Ich schluckte. Das Heimweh plagte mich. Ich hatte nicht gewußt, wie sehr ich mich nach Jonathan, Mary und ihren Kindern sehnte, bis Nimmie von ihnen sprach.
„Geht es ihnen ... geht es ihnen gut?" Selbst diese wenigen Worte wollten mir fast in der Kehle steckenbleiben.
„Prima!" strahlte Nimmie. „Aber du fehlst ihnen. Sie lassen dich lieb grüßen. Die kleine Kathleen hat gebettelt, uns begleiten zu dürfen, um ihre Tante Betty wiederzusehen. Sie hat gesagt, es wäre schon fast eine Ewigkeit' her, seitdem du abgereist bist."
Meine geliebte kleine Kathleen! Ich konnte förmlich spüren, wie sie ihre warmen Ärmchen um meinen Hals schlang. Tränen stiegen mir in die Augen.
„Sie ist bestimmt mächtig gewachsen!" sagte ich sehnsüchtig.
„Mary sagt, sie alle hätten im letzten Jahr einen großen Schuß in die Höhe getan", antwortete Nimmie.
Als sie jedoch die Tränen bemerkte, die mir über die Wangen rollten, wechselte sie rasch dasThema.