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Der Brief des Judas umfasst, obwohl er sehr kurz ist, einen weiten geschichtlichen Zeitraum: er stellt uns den Abfall vom Christentum vor, von der Zeit an, wo die Anfänge des Bösen sich in den Tagen der Apostel unter die Christen eingeschlichen hatten, bis zu dem Augenblick, an dem das endgültige Gericht über die Christenheit hereinbrechen wird. Dieser Brief zeigt uns, wie die Kirche, weil sie die Wahrheiten, die Gott ihr anvertraut hatte, aufgab, vorangeschritten ist in der Gottlosigkeit, deren Höhepunkt die Verwerfung des Vaters und des Sohnes sein wird.
Dann wird moralische Finsternis an die Stelle des Lichtes des Evangeliums treten, das heute noch in der Welt leuchtet; aber wir sehen heute schon alle Elemente, die diesen Abfall kennzeichnen, in Tätigkeit, und der Brief des Judas belehrt uns über die Haltung, die jeder Christ in unseren Tagen gegenüber dem Bösen einnehmen soll, und über die Art und Weise, in der er in dieser traurigen Umgebung Gott verherrlichen kann. Lasst uns nicht vergessen, dass der Christ in einer Zeit des Verfalls Gott ebenso völlig verherrlichen kann wie in den glücklichsten ersten Tagen der Kirche.
Die Umstände haben sich allerdings geändert, aber Gott kann von den Seinen geehrt werden, in anderer Weise vielleicht, aber ebenso wirklich wie damals, als der Geist am Pfingsttag auf die Jünger gefallen war. Gott fordert heute nicht von uns, dass wir den durch unsere Schuld in Verfall geratenen Zustand wiederherstellen; wir sollen uns auch in der Christenheit nicht verhalten, als wenn alles in Ordnung wäre, indem wir über ihren Niedergang die Augen schließen; Er zeigt uns vielmehr inmitten der Trümmer einen Pfad, den Er gutheißt, den das Auge des Adlers nie hätte erspähen können, den Gott aber kennt, und den der Glaube zu unterscheiden lernt.
Beachten wir zunächst die ganz allgemeine Art, in der Judas die Christen kennzeichnet, an die er schreibt: "Judas, Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus, den in Gott, dem Vater, geliebten und in Jesu Christo bewahrten Berufenen" (V. 1). Die anderen Briefe reden die Gläubigen mit ganz anderen Worten an; allerdings werden sie zweimal "berufene Heilige" genannt, d. h. Heilige durch Berufung, aber nie kurzweg "Berufene". Wenn Gott eine Seele für Sich erwerben will, so beginnt Er damit, sie zu berufen. So machte Er es mit Abraham, dem Vater der Gläubigen; und man kann den Kindern Gottes keine allgemeinere und alle mehr umfassende Bezeichnung geben, denn alle ohne irgendeine Ausnahme sind Berufene.
Liegt dem nicht augenscheinlich eine Absicht zugrunde? Der Brief des Judas redet von der gegenwärtigen Zeit und wendet sich an alle Kinder Gottes, ohne irgendjemand auszuschließen, ohne Unterschied des Wandels und der Erkenntnis, ohne dem Rechnung zu tragen, was sie vielleicht voneinander trennt. Alle sind demnach verantwortlich, zu hören und sich nach dem Gehörten zu richten; daher dieser umfassende und zugleich so persönliche Ausdruck "Berufene". Wenn ein Apostel an eine örtliche Versammlung schrieb, so hätte vielleicht der eine oder andere Christ, der nicht zu ihr gehörte, sich nicht durch den ganzen Inhalt dieses Briefes angesprochen fühlen können, wenn er dadurch auch einen großen Mangel an Verständnis an den Tag gelegt hätte; bei Judas aber würde ein derartiger Gedanke unentschuldbar sein. Jedes Glied der Familie Gottes in dieser Welt muss sich sagen: Der Herr wendet sich hier ganz persönlich an mich.
Es ist beachtenswert, dass zwei Dinge diesen "Berufenen" eine völlige Gewissheit geben bezüglich ihrer Beziehungen zu Gott. Sie sind "in Gott, dem Vater, Geliebte und in Christo Jesu Bewahrte". Niemals sollte es in der großen Familie Gottes eine einzige Seele geben, die an ihren Beziehungen zu dem Vater zweifelt und die nicht die Gewissheit ihrer Errettung besitzt. Möchten die Zweifelnden über jene Worte nachdenken! Die Liebe des Vaters zu uns ist ebenso vollkommen wie Seine Liebe zu Christus, Seinem Geliebten; daher sagt Judas: "in Gott, dem Vater, Geliebte". Unsere Sicherheit ist ebenso vollkommen wie diejenige Jesu Christi; deshalb heißt es: "in Jesu Christo Bewahrte". Wenn die Errettung der Berufenen von ihrer Treue abhinge, so würde keiner von ihnen das Ziel seines Weges erreichen. Wir können uns ebenso wenig bewahren wie erretten. Unsere ewige Sicherheit beruht nicht darauf, dass wir treu sind (obwohl wir sicher treu sein sollten), sondern darauf, dass der Gott der Liebe uns in Christo vor Sich sieht.
Der Gruß des Apostels ist sehr bedeutsam: „Barmherzigkeit und Friede und Liebe sei euch vermehrt!" (V. 2) Auch in den Briefen an Timotheus bildet das Wort "Barmherzigkeit" einen Teil des Grußes, aber kein Brief, der an eine Gesamtheit von Christen gerichtet ist, enthält dieses Wort. Das hat seinen Grund darin, dass Barmherzigkeit nicht so sehr für eine Gesamtheit, als vielmehr für den einzelnen Gläubigen persönlich notwendig ist. Ich bin ein armes, schwaches Wesen, das in vieler Hinsicht fehlt und beständigen Gefahren ausgesetzt ist. Mein Zustand ruft das göttliche Mitleid hervor, das mir zu Hilfe kommt, mich aufmerksam macht und sich für alle Einzelheiten meines Weges interessiert. Das ist der Charakter der Barmherzigkeit. Woher kommt es nun, dass ein Brief, der an alle Berufenen ohne Unterschied gerichtet ist, Barmherzigkeit für sie erbittet? Wie soll man diese Ausnahme erklären? In einer Zeit des Verfalls nimmt das christliche Zeugnis einen immer persönlicheren Charakter an.
Das bedeutet keineswegs, (wie man zuweilen von Gläubigen sagen hört, die durch das reißend schnelle Umsichgreifen des Bösen entmutigt sind) dass das christliche Zeugnis nicht mehr den gemeinschaftlichen Charakter eines Sammelns der Heiligen haben könne. Wer so spricht, befindet sich in einem großen Irrtum, und gerade der Brief des Judas ist ein Beweis dafür. Er redet von Leuten, die sich unter die Treuen eingeschlichen haben, die Flecken bei ihren Liebesmahlen sind; gerade ihre Anwesenheit ist also ein Beweis, dass es ein Sammeln der Heiligen gibt. Aber die Unterweisung, die wir hier empfangen, besteht darin, dass wir gehalten sind, angesichts des schrecklichen sittlichen Zustandes der Christenheit in unserem persönlichen Zeugnis immer treuer zu werden, denn Gott nimmt in besonderer Weise Kenntnis davon.
Es ist ohne Zweifel ein sehr großes Vorrecht für das Herz einsichtsvoller Christen, sich gemeinsam des Tisches des Herrn, des ganz besonderen Zeichens des gemeinschaftlichen Zeugnisses, erfreuen zu können, und dies in einer Zeit, wo die Verkündigung der Einheit des Leibes Christi in der bekennenden Christenheit wie mit Füßen getreten wird. dass dieses Zeugnis heute im Vergleich mit dem, was es in der Vergangenheit war, außerordentlich schwach ist, brauchen wir nicht zu sagen, und doch nimmt Gott Notiz davon; denn mit dem Zusammenkommen Seiner Kinder außerhalb der Welt steht das Erhabenste, was es im Christentum gibt, der Gottesdienst, in Verbindung.
Aber wenn auch unser gemeinschaftliches Zeugnis so arm geworden sein mag, dass es nur noch in dem Zusammenkommen von zweien oder dreien um den Herrn besteht, so sollte doch, und dies möchten wir besonders betonen, das persönliche Zeugnis keineswegs durch solche Hindernisse leiden. Es kann ebenso kräftig sein wie damals, als der Heilige Geist in den ersten Zeiten der Kirche die Christen persönlich erfüllte. Diese Kraft des Heiligen Geistes in dem Einzelnen ist heute nicht mehr begrenzt als damals, wenn wir nur Sorge tragen, diesen göttlichen Gast nicht in unserem Wandel zu betrüben; die Weltlichkeit und Untreue der Kirche, und schließlich ihr Verfall, beschränken dagegen notwendigerweise die Wirksamkeit des Geistes in der Versammlung.
Ein in der gegenwärtigen Zeit mit Treue aufrecht gehaltenes persönliches Zeugnis und eine heilige Absonderung vom Bösen in allen seinen Formen sind um so notwendiger, da wir bei der in der Kirche herrschenden Ungerechtigkeit nicht viel Stütze und Hilfe bei unseren Brüdern finden können; doch der Herr bleibt uns, und wir können völlig mit Ihm rechnen.
Hier denke ich, dass viele Christen mich unterbrechen wollen mit den Worten: Du redest nur von Fortschritten des Bösen, von dem Zustand des Verfalls der Christenheit und von ihrem bevorstehenden Gericht. Du scheinst deine Augen vor all dem Guten zu verschließen, das um dich her vor sich geht, vor der eifrigen Tätigkeit in unseren Kirchen, vor den großartigen Beweisen christlicher Liebe und Mildtätigkeit, vor dem einmütigen Zusammenhalten, das heute die christliche Weit kennzeichnet, vor den ungeheuren Summen, die zur Förderung des Reiches Gottes verwandt werden.
Ich bin weit davon entfernt, das zu leugnen, was der Glaube bei den Kindern Gottes hervorbringt; aber denen, die so reden, möchte ich antworten: Gott betrachtet den Zustand der Christenheit mit anderen Augen als du oder als die Welt. Er beurteilt den Zustand der Menschen nach der Art und Weise, wie sie sich verhalten gegen Seinen Sohn und gegen die Schriften, die Ihn offenbaren ; und du wärest nicht aufrichtig, wenn du leugnen wolltest, dass die bekennende Menge, zu der du gehörst, schnelle Fortschritte macht auf dem Weg zum völligen Aufgeben des Wortes und zur Leugnung des Sohnes Gottes.
Dass dies der Charakter des Urteils Gottes ist, wird man vom Anfang bis zum Ende der Heiligen Schrift bestätigt finden. Der innere, sittliche Zustand der Welt Gott gegenüber, nicht ihre äußeren, materiellen Fortschritte oder die hohe Meinung, die sie selbst von ihren Verdiensten und ihrer Ergebenheit hat, bilden den Maßstab für das Urteil Gottes. Der völlige Abfall besteht in der Leugnung des Vaters und des Sohnes, und das ist es, was unter anderem der Brief des Judas, der zweite Brief des Petrus und der erste Brief des Johannes ans Licht treten lassen. Satan hat tausend Mittel, um die Menschen von Gott abzulenken, und unter diesen ist nicht das Geringste dies: er macht sie blind, indem er ihren Stolz nährt und sie mit ihren Fortschritten beschäftigt.
"Friede und Liebe sei euch vermehrt!" Teure Geschwister, das ist es, was der Apostel uns allen wünscht. Er redet hier nicht von dem Frieden mit Gott und von Seiner Liebe, denen nichts mehr hinzugefügt werden kann, sondern er wünscht, dass wir diese praktisch genießen und ausstrahlen. Er kennt die Schwierigkeiten der Christen in diesen letzten Tagen, wo die Welt gekennzeichnet wird einerseits durch eine nie endende Aufregung und andererseits durch das Erkalten aller natürlichen, gebotenen Zuneigungen und durch eine Selbstsucht, die jede andere Rücksicht verdrängt: "Liebe sei euch vermehrt!"
Ich glaube, wenn in den gegenwärtigen Tagen die "Berufenen" des Herrn in ihren Herzen aufnähmen, was der Geist Gottes ihnen hier wünscht, so würden sie alle gute Zeugen Jesu Christi sein. Der Feind sucht auf alle Weise die Liebe erkalten zu lassen, welche die Kinder Gottes miteinander verbindet. Dies sollte ihm nicht gelingen. Ach, es ist für uns nicht schwer, das Böse zu sehen, darauf aufmerksam zu machen und ausführlich darüber zu anderen zu reden; aber ich frage: Ist das Aufdecken des Bösen ein Heilmittel? Nein, die Liebe ist es, die heilt, die wiederherstellt und unsere Brüder in ihrem Wandel wieder aufrichtet. Gnade gewinnt das Herz. Strenge kann dem Bösen Einhalt tun, hat aber noch nie jemand gewonnen.
Wenn es so steht im Blick auf unsere Brüder, so gilt das Gleiche im Blick auf das der Welt verkündigte Evangelium. Die Gnade zieht an, erreicht das Gewissen, bringt Buße hervor, führt zu Christus; und wenn es nötig ist, dem Menschen die Wahrheit zu sagen, ihn seinen Zustand des Entferntseins von Gott verstehen zu lassen, so ist es auch wieder die Gnade, die diesen Zustand bloßstellt, um dann Heilung zu bringen, denn die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. In einer Zeit, wo die Liebe bei vielen erkaltet und die Ungerechtigkeit die Oberhand gewinnt, haben wir da nicht alle nötig, dass die Liebe uns vermehrt wird?
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