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Schiffer van Maarle kam gerade aus der Tür seines Hauses heraus, um nach seinem Fahrzeug zu gehen, als er plötzlich Schreien hörte. Und wie erschrak er, als er durch die Hilferufe der anderen hindurch die Stimme seines Kindes erkannte. Einen Augenblick blieb er wie am Boden gebannt stehen. Dann stürmte er mit dem Ruf: „Das ist mein Junge!" den Deich hinab bis zum äußersten Ende des Hafendammes.
Frau van Maarle hörte seinen Ruf und sah ihren sonst so ruhigen Mann wie einen Wahnsinnigen über den Deich laufen. Da mußte etwas ganz Schreckliches geschehen sein. Sie mußte sich am Tisch festhalten, an dem sie gerade arbeitete
1. Kapitel
Den ganzen Nachmittag hatte eine kräftige Brise geweht, doch allmählich war es stiller geworden, und jetzt kräuselte nur noch ein leiser Wind das ruhige Wasser der Alten Maas.
„Wir kommen nicht mehr weiter, Schiffer", rief der Bootsmann einer schön gebauten Tjalk*), die mit schlaffen Segeln auf dem Strom lag, seinem Meister zu.
„Das tun wir auch nicht", antwortete der Schiffer, der am Ruder stand, und aufmerksam den Wimpel an der Mastspitze betrachtete.
„Wenn es noch eine kleine Stunde so geweht hätte, wie heute nachmittag, wären wir bereits zu Hause", fuhr der Schiffer fort, „doch jetzt wird es wohl am besten sein, vor Anker zugehen und abzuwarten, bis die Ebbe einsetzt, das kann nur noch wenige Stunden 'dauern."
„Schade", meinte Jakob, der Bootsmann, „so nahe zu Hause, und dann noch so lange warten müssen, aber da ist nichts zu machen."
Jakob war ein tüchtiger Bursche von noch nicht zwanzig Jahren. Im Nu hatte er das schwere Segel eingezogen, dann rasselte der fallende Anker, und das „Klick-Kladc" der Sperrklinke auf der Ankerwinde klang durch die friedliche Stille des Sommerabends.
„Setz den Kaffee auf, Jakob, und wenn du damit fertig bist, wollen wir es uns gemütlich machen."
Der Schiffer Willem van Maarle war ein kräftiger Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren, aber auf dem durch Wind und Wetter gebräunten Gesicht war sein Alter nicht leicht zu erkennen; denn trotz des starken blonden Bartes wirkte er nicht alt.
Das lag wahrscheinlich in den hellen, blauen Augen und dem freundlichen, gutmütigen Zug um seinen Mund, der jeden, der mit diesem Mann in Berührung kam, für ihn einnahm. Wie das Äußere, war auch der Charakter des Schiffers. Ob er es mit den Arbeitern, die ihm beim Löschen der Ladung halfen, oder mit dem reichen Kaufmann, in dessen Lagerhaus die Waren aufgestapelt wurden, zu tun hatte, immer war er derselbe, freundlich und gutherzig. Aber so nachsichtig er gegen andere war, so streng und genau war er gegen sich selbst; denn in seinem einfältigen, ehrlichen Herzen wohnte Gottesfurcht, die ihren Einfluß ausübte auf all sein Tun und Lassen.
Van Maarle hatte schon in seiner Jugend den Herrn Jesus als seinen persönlichen Heiland kennengelernt und suchte Ihm in seinem Wandel zu dienen. Wie oft haften seine Berufsgenossen ihn ausgelacht wegen seiner, wie sie es nannten, übertriebenen Ehrlichkeit, aber van Maarle ließ sie lachen und ging geradeswegs voran, auch wenn er für den Augenblick scheinbar Nachteil davon hatte.
Konnte er es eben möglich machen, dann war er sonntags zu Hause bei seiner Frau und seinem einzigen Kind. Verhinderten die Umstände dies aber, dann suchte er mit seinem Fahrzeug den nächsten Hafen auf, und wenn auch das nicht anging, ankerte er in einer Bucht oder hinter einem Deich. Niemals aber fuhr er am Tage des Herrn.
Van Maarle war durch und durch Schiffer. Soweit er zu-. rüdcdenken konnte, waren seine Vorfahren Schiffer gewesen, und kaum einer war so vertraut mit dem Fahrwasser der seeländischen Ströme und ihren vielen Zu- und Abflüssen wie er. Ob deswegen die „Gute Hoffnung" - so hieß sein Schiff - stets besonders gute Fracht hatte? Es ist mög- lich. Aber der Schiffer schrieb sich nicht selbst den Erfolg zu, sondern dankbaren Herzens erkannte er darin den Segen
von oben. Außer seinem Fahrzeug, das sein unbelastetes Eigentum war, besaß er noch ein schmuckes Häuschen auf dem linken Maasufer.
Eben war die „Gute Hoffnung" von der Reise nach einer nordholländischen Hafenstadt zurückgekehrt. Der Schiffer war sehr froh, daß er einen Tag früher als er gerechnet hatte, wenn auch erst abends, heimkehren konnte. Der Sommerabend war wunderschön. Wo das Schiff vor Anker lag, waren beide Ufer des Flusses mit Schilf bewachsen, darüber hinaus ragten in der Ferne ein hohes Gehölz und die schlanke Turmspitze eines alten Kirchturmes. Ein leichter Nebel zog langsam über die klare Wasserfläche der Maas, und aus dem Schilf klang das eintönige und doch so melodische Rufen eines Wasservogels, während aus dem hohen Ried die scheue Rohrdrossel ihre Stimme hören ließ. In beschaulicher Ruhe genossen Schiffer und Bootsmann den stillen Abendfrieden.
Ab und zu fuhr ein Schlepper mit einem schwer beladenen Frachtkahn vorbei. Nach Sdiiffersbrauch wurden im Vorbeifahren jedesmal einige freundliche Worte von Schiff zu Schiff gewechselt. „Der da um die Ecke kommt, geht am besten auch vor Anker", bemerkte Jakob, und zeigte auf einen alten Kahn, dessen mit allen möglichen Lappen geflickte Segel schlaff und unbeweglich an dem Mast herabhingen.
Das Fahrzeug lag auf der anderen Seite des hier ziemlich breiten Flusses. Aber trotz der ansehnlichen Entfernung konnte man streitende Stimmen hören, die in der Stille des Abends weit über das Wasser schallten. „Das geht da drüben gut zu, Schiffer", sagte Jakob weiter, „da scheint's was abzusetzen." Van Maarle sah einen Augenblick scharf hinüber. Dann
*) Tjallc: ein Küstenfrachtschiff von sehr flacher Bauart, das besonders auf den seichten Kanälen in Holland und auf dem Wattenmeer benutzt wird.
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