Keine Bewertungen gefunden
Vor acht Jahrzehnten erblickte ich das Licht der Welt in einem kleinen Dorf am Fuße des Vogelsberges. Von wenigen Familien abgesehen waren alle Leute im Ort Bauersleute, von denen manche nebenbei noch ein Handwerk betrieben. So auch mein Vater. Er hatte einen kleinen Steinbruch-Betrieb, in dem er sommers wie winters ein paar Leute beschäftigte. Für meine Mutter bedeutete das: Die schwere Bauernarbeit lastete voll und ganz auf ihren Schultern.
Bei uns zu Hause lebten noch die Großeltern. Der Großvater half bei der Arbeit, so gut er's eben konnte. Die Großmutter freilich konnte sich nur mühsam mit zwei Stöcken fortbewegen. Mit der Hilfe im Haushalt war es da nicht weit her.
Von meinen ganz frühen Kinderjahren weiß ich nicht viel zu erzählen. Gut erinnere ich mich nur an eines: Als ich vier Jahre alt war, bekam ich noch ein Brüderchen. Und das war eine große Freude für meine Eltern und auch für mich.
Dann gab es noch etwas in meiner Vorschulzeit, was mich in seinen Bann zog. Die Häuser und die Stallungen, aber auch die Dorfstraßen wurden damals mit Petroleumlampen beleuchtet. Eine solche Lampe stand auch direkt vor unserem Hof. Es war ein zwei bis zweieinhalb Meter hoher, dikker Holzpfahl mit einem viereckigen Glashäuschen obendrauf. In diesem Glashäuschen - geschützt vor Wind und Wetter - stand das Petroleumlicht.
Wurde es Abend, zog ein Mann mit einer Leiter durchs Dorf und zündete diese Lampen an. Gespannt saß ich dann auf der Lauer auf einem kleinen Schemelchen zu Omas Füßen, die am Fenster saß und achtgeben mußte, wenn der »Laternenmann« kam.
»Keand, alleweil kimmde (Kind, da kommt er gerade)«, sagte sie, wenn es soweit, war - und ab ging's schnell zum »Laternenmann«. Ich mußte ja dabei sein, wenn er sein Handwerk verrichtete. Meist sagte er kein Wort. Hatte er aber gute Laune, dann sagte er zu mir: »No, kloa Oschil, beasde wirrer do? (Na, kleines Mädchen, bist du wieder da?)«, stellte seine Leiter an und kletterte hoch.
Oben öffnete er am Glashäuschen ein kleines Türchen und steckte mit einem Streichholz das Petroleumlicht an. Dabei gefiel es mir besonders gut, wenn der Wind mitunter zwei-, dreimal das Streichholz ausblies. Zu gern wäre ich mit dem Mann gegangen, von Laterne zu Laterne. Als er mal wieder mit mir gesprochen hatte, faßte ich Mut und bettelte darum, mit ihm gehen zu dürfen. Doch er wehrte ab: »Na, na, Keand! Met mir kannsde nit gih. Gih wirrer schi enenn bei doi Oma. (Nein, nein, Kind! Mit mir kannst du nicht mitgehen. Geh nur schön wieder zu deiner Oma.)«
Traurig sah ich ihm nach und schlich wieder langsam zur Haustür. Und da rief schon die Mutter aus dem Stall: »Kloa, neam emol e Ärwilche Holz met ean die Keche! (Kleine, nimm einen Arm voll Holz mit in die Küche!)« Von der Küche aus wurde nämlich der große Ofen geheizt, der in der Stube stand. So und ähnlich wurde ich schon als Fünfjährige zu kleinen Arbeiten herangezogen. Wenn die Mutter sagte: »Paula, gieh mol zou Philippe Marri un hoal mir emol oa Pond Salz! (Paula, geh mal zu Philipps Mari und hol mir ein Pfund Salz!)« - da beeilte ich mich sehr. Denn von der alten »Marri« bekam ich fast immer so ein ganz kleines Guzchen, das es zu Hause nicht gab.
Am 6. Dezember 1912 wurde ich sechs Jahre alt. Und das bedeutete: Zu Ostern 1913 wurde ich in die Schule aufgenommen. Für uns Kinder war an diesem ersten Schultag das wichtigste, daß jedes eine riesige Brezel bekam. Freudestrahlend schleppten wir sie nach Hause. Dann aber mußte ich täglich von 11 bis 12 Uhr auf der Schulbank sitzen. Doch so unruhig und lebhaft ich sonst auch war - hier gefiel es mir sehr gut. Und so trottete ich jeden Tag gerne in die Schule. Anderen machte die Schule keinen Spaß, sie kamen sehr ungern, und manche mußten sogar von der Mutter gebracht werden.
Meine Schulaufgaben mußte ich immer gleich nach dem Mittagessen erledigen. Ansonsten störte nur wenig den Tagesablauf. Unbekümmert spielte ich mit den Nachbarskindern im Sommer unter dem weit ausladenden Schattendach unseres großen arabischen Kirschbaumes, der auf unserem Hof stand. Holzscheite, mit Lappen umwickelt, waren unsere Puppen. Wir trugen sie genau so fürsorglich spazieren, wie es heute 'die Kinder mit ihren wertvollen Puppenkindern tun. Im Winter wie auch an Regentagen wurde der Spielplatz in die Stube verlegt. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß dabei oft die Großmutter geärgert wurde. Wollte sie uns gar nicht gewähren lassen, nahmen wir ihr die Stecken weg. Dann konnte sie uns gar nichts mehr tun.
»Ihr Eeser, muß m'r dann häi so geplogt soi! (Ihr Taugenichtse, muß man denn wirklich so geplagt sein!)«, schrie sie dann immer. Großvater saß im Lehnsessel am Ofen und brütete vor sich hin. Er wollte nichts als seine Ruhe haben. Bei Großmutter war das anders. An den Möbeln in der Stube konnten wir freilich nicht viel ruinieren. Davon gab es zu dieser Zeit noch nicht viel: einen großen Tisch mit einer langen Bank ohne Lehne, drei Stühle, eine Kommode, Mutters Nähmaschine, Omas Bett (Großvater schlief oben über der Küche) und eine »Banklade«.
Diese »Banklade« war ein sehr praktisches Möbelstück; eigentlich das angenehmste von der gesamten Zimmereinrichtung. Mit der breiten Sitzfläche und der Rückenlehne war sie äußerst bequem als Sitzgelegenheit. Außerdem sorgte sie für Ordnung, weil die aufklappbare Lade in ihrem...
Die Häuser und die Stallungen, aber auch die Dorfstraßen wurden mit Petroleumlampen beleuchtet. Eine solche Lampe stand auch direkt vor unserem Hof. Es war ein zwei Meter hoher dicker Holzpfahl mit einem viereckigen Glashäuschen obendrauf. In dem Glashäuschen - geschützt vor Wind und Wetter - stand das Petroleumlicht. Am Abend zog ein Mann mit einer Leiter durchs Dorf und zündete die Lampen an. Gespannt saß ich dann auf der Lauer auf einem kleinen Schemelchen zu Omas Füßen, die am Fenster saß und achtgeben muste, wenn der Laternenmann kam.
Keine Bewertungen gefunden