August Tholuck ist eine der interessantesten christlichen Persönlichkeiten des vorvorigen Jahrhunderts. Schon als Kind war er ein leidenschaftlicher Bücherleser, außerdem lernte er spielend eine ganze Reihe fremder Sprachen. Kein Wunder, dass er schon mit 24 Jahren Theologieprofessor wurde und seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte. Vor allem an der Universität Halle, die damals eine Hochburg des Rationalismus war, hat Tholuck, der inzwischen zum lebendigen Glauben durchgedrungen war, jahrzehntelang im Segen gewirkt.
Seine Haupttätigkeit entfaltete er mehr und mehr in der Predigt und in der Seelsorge. 35 Jahre hat er die Universitätsgottesdienste in Halle gehalten, und unzähligen seiner Studenten ist er Führer zu Christus und väterlicher Seelsorger geworden. Einer von ihnen, der spätere Professor Martin Kähler, gibt in diesem Büchlein ein ganz persönliches Zeugnis von dem, was er Tholuck verdankt.
1. Teil: Leben Kindheit und Werdezeit
Der eine Sohn des Goldschmieds Tholuck von der Riemerzeile in Breslau war doch ein merkwürdiges Kind. Das sagten Nachbarn und Verwandte immer wieder. Während andere Kinder gleichen Alters munter auf der Straße spielten, ihre Kräfte aneinander maßen und frisch und fröhlich in die Welt blickten, saß August immer nur hinter seinen Büchern, als sei er schon ein halber Gelehrter und Professor. Schüchtern und linkisch ging er seinen Weg, und es gab nicht viele, die ihn mochten; er hatte so gar nichts von frischer Jungensart an sich.
Auch seine Eltern verstanden ihn nicht recht. Die Stiefmutter - seine eigentliche Mutter war gestorben, als August erst sieben Jahre zählte - war wohl eine brave und gute Frau, aber sie beurteilte eben August nach den anderen Kindern ringsum und auch nach ihren eigenen, die sie inzwischen ihrem Manne zahlreich geboren hatte. Da sah sie hier nur eine ihr fremde Art, müßige Träumerei, langweiliges, endloses Bücherlesen und vor allem großes Ungeschick zu praktischen Arbeiten in Haus und Werkstatt. Der Vater hatte in der schweren Zeit damals genug mit den Sorgen des Lebens zu kämpfen, und so überließ er der Mutter den größeren Teil der Erziehung. Kein Wunder, dass der Sohn sich zu Hause unglücklich fühlte und sich mehr und mehr in sein Innenleben zurückzog.
Dieser damals kleine und unglückliche August ist der Mann, von dem unser Büchlein handeln will. Er ist ein hochberühmter und gelehrter Professor geworden, der den Namen Tholuck in der ganzen Welt zu Ehre und Ansehen gebracht hat. Unter den bedeutenden christlichen Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts ist er eine der allerersten, und Hunderte haben bekannt, dass sie nächst Gott ihm für Zeit und Ewigkeit das Beste verdankten. Selten hat auch wohl jemand solches Verständnis für die innere Entwicklung suchender Menschen gehabt; gerade darum konnte er oft so wunderbar raten und helfen. Dies aber lag daran, dass er selbst in seinem Leben ganz schwere innere Kämpfe durchzumachen hatte. Es war seine eigene Erfahrung, die ihn zum Helfen und Führen fähig machte.
August Tholuck ist am 30. März 1799 in Breslau geboren. Der Vater war ein frommer und ehrbarer Mann, dem freilich lebendige Herzensfrömmigkeit fehlte. Religiöse Eindrücke empfing der Sohn eigentlich nur durch einen Töpfergesellen, der ab und zu in dem elterlichen Hause arbeitete und als Glied der Brüdergemeine zu den „Stillen im Lande" gehörte. August lernte rasch lesen, und nun fing auch bald sein Lesehunger an. Schon im neunten Lebensjahr fand er den Weg zu einer nahen Leihbibliothek, wo er alle Bände, die ihm nur irgendwie in die Hand kamen: Romane, Theaterstücke, Reisebeschreibungen, alles in bunter und wahlloser Reihenfolge, verschlang. So nahm er bis zu seinem zwölften Lebensjahr ungefähr zweitausend Bände Lesestoff in sich auf. Dadurch legte er auf der einen Seite den Grund zu seinem außergewöhnlich großen Wissen, auf der anderen Seite geriet freilich seine Phantasie in Gefahr, auf ganz falsche Bahnen gelenkt zu werden, und sein ihm von Natur innewohnender Hang zur Träumerei, zur Verschlossenheit und Ängstlichkeit, ja zur Schwermut wurde unnatürlich gesteigert.
Seine Mutter erschien ihm dabei immer wieder als Störenfried. Sie verlangte, dass er sich an häuslichen Arbeiten beteiligte, und ließ ihn seine kleinsten Geschwister oft bis spät in die Nacht im Kinderwagen hin- und herfahren. August wieder benutzte dann diese Stunden, um während dieser ihm aufgezwungenen Arbeit mit Hilfe zusammengesparter Lichtstümpfe in seinen geliebten Büchern zu lesen und sich in die schöne und weite Welt der Phantasie einzuspinnen.
Schließlich erreichte die Mutter, daß der Vater seinen Sohn von der Schule nahm, damit er bald Geld verdiene. Er sollte des Vaters Handwerk erlernen. Dieser Versuch ging allerdings rasch zu Ende. August verdarb durch seine starke Kurzsichtigkeit, die er sein Leben lang an sich hatte, sowie durch seine völlige Ungeschicklichkeit einen wertvollen Ring. Nun schickte ihn der Vater doch wieder zur Schule, da er zu anderem eben nicht taugte.
Von dem Konfirmandenunterricht, der nun bald einsetzte, blieb der Dreizehnjährige innerlich ganz unberührt. Statt dessen erwachte immer mehr ein ungestümer Ehrgeiz in ihm, es irgendwie seinen Schulkameraden vorauszutun. Körperlich konnte er mit diesen nicht mit; so wollte er es ihnen an geistigem Können zuvortun. So fing er damals an, eine ganze Reihe fremder Sprachen zugleich oder kurz nacheinander zu lernen. Freilich war dieser Fleiß fast ausschließlich auf seine Lieblinge, die Bücher und die Sprachen, gerichtet; in der Schule war und blieb er kein hervorragender Schüler.